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Dietrich Bonhoeffer hat dieses Gedicht in einen Brief vom 8. Juli 1944 an seinen Freund Eberhard Bethge gelegt, neun Monate vor seinem gewaltsamen Tod am 9. April 1945. Er war damals 39 Jahre alt.

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Wer bin ich? 

Wer bin ich? Sie sagen mir oft,ich träte aus meiner Zellegelassen und heiter und festwie ein Gutsherr aus seinem Schloss. 

Wer bin ich? Sie sagen mir oft,ich spräche mit meinen Bewachernfrei und freundlich und klar,als hätte ich zu gebieten. 

Wer bin ich? Sie sagen mir auch,ich trüge die Tage des Unglücksgleichmütig, lächelnd und stolz,wie einer, der Siegen gewohnt ist. 

Bin ich das wirklich, was andere von mir sagen?Oder bin ich nur das, was ich selbst von mir weiß?Unruhig, sehnsüchtig, krank, wie ein Vogel im Käfig,ringend nach Lebensatem, als würgte mir einer die Kehle,hungernd nach Farben, nach Blumen, nach Vogelstimmen,dürstend nach guten Worten, nach menschlicher Nähe,zitternd vor Zorn über Willkür und kleinlichste Kränkung,umgetrieben vom Warten auf große Dinge,ohnmächtig bangend um Freunde in endloser Ferne,müde und leer zum Beten, zum Denken, zum Schaffen,matt und bereit, von allem Abschied zu nehmen? 

Wer bin ich? Der oder jener?Bin ich denn heute dieser und morgen ein andrer?Bin ich beides zugleich? Vor Menschen ein Heuchlerund vor mir selbst ein verächtlich wehleidiger Schwächling?Oder gleicht, was in mir ist, dem geschlagenen Heer,das in Unordnung weicht vor schon gewonnenem Sieg? 

Wer bin ich? Einsames Fragen treibt mit mir Spott.Wer ich auch bin, Du kennst mich, Dein bin ich, o Gott! 


aus: Dietrich Bonhoeffer: Widerstand und Ergebung. Neuausgabe, München: Chr. Kaiser Vlg, ²1977, S. 381f.
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Wer bin ich? 

Es wird für viele immer schwerer, sich darüber klar zu werden, wer sie nun eigentlich sind. Ich bin ja nicht nur mein Personalausweis mit Namen und Adresse. Wer bin ich denn nun? Wo gehöre ich hin? Womit identifiziere ich mich? Vielleicht jetzt gerade mit der deutschen Nationalmannschaft. Jedenfalls so lange sie gewinnt. Und dann? Gut, es gibt eine Herkunft. Aber das schafft ja nur eine Identität, so lange ich zu Hause in der Familie bin und das auch nur so lange, wie ich mich wirklich daheim fühle und zufrieden bin. Wenn die Familie auseinander bricht oder sowieso nur noch in Teilen vorhanden ist, dann wird es schon schwerer. Wenn es dann um meinen Beruf, die Partnerschaft, die Weltsicht oder den Glauben geht, frage ich mich, wer oder was will ich wirklich? Wer ist die/der Meine? Was ist das Meine? Womit kann ich mich da identifizieren? 

Ehrlich gesagt habe ich keine Probleme mit meiner Identität - inzwischen. Dazu bin ich ja nun alt und festgelegt genug. Und ich bin darin zufrieden, ja, ich wage sogar zu sagen, glücklich und habe nicht vor, noch mal grundsätzlich was anderes zu werden. Da sind so viele Entscheidungen gefallen, in eine bestimmte Richtung zu gehen.  

Also Identität hat es mit Entscheidungen zu tun, was und damit wer ich sein will. 

Mit siebzehn schon habe ich mich entschieden, Jesuit zu werden und in Erfurt in den Orden einzutreten (darüber staune ich heute selbst, dass ich das konnte!) Zwei Jahre später waren schon die Gelübde, also die Versprechen, fällig, nach dieser Lebensweise weiter zu leben. Wieder eine Entscheidung. Aber das muss ich nun auch zugeben, erst mit dreißig habe ich mich dann endgültig entschieden, das zu sein, was ich nun geworden war und nicht immer wieder daran herum zu problematisieren. Und dabei ist es nun auch geblieben, wenn auch nicht ohne Krisen und tiefe Verunsicherungen. Letztlich haben sie mich aber tiefer in die eine Richtung des Glaubens und der Gemeinschaft des Ordens geführt. Und ich bin mir bewusst, dass das gar nicht typisch für heute ist. 

Denn bei ganz vielen ist das heute alles nicht mehr so. Es gibt oft tiefe Brüche. Wechsel des Berufes. Wechsel in ganz neue Lebensmilieus. In andere Länder und Weltsichten. Ich weiß, dass zum Beispiel die Wende von 1989 oder richtiger, die friedliche Revolution, für ganz viele Menschen im Osten eine Identitätskrise mit sich brachte. Wer bin ich denn jetzt? Damals habe ich für mich ein kleines Gedicht gemacht: 

Wohin soll ich mich wenden
In dieser Wendezeit?
Es gibt so viele Wände
Und ist so wenig Zeit! 


Man musste sich neu „positionieren“, so lautete der Ausdruck. Wer das besonders gut konnte, bekam schnell die Bezeichnung „Wendehals“. Für viele Genossen war es, wie Helga Königsdorf gesagt hat: „Ohne das Land zu verlassen, gehe ich in die Fremde.“ Manche sind daran auch verrückt geworden. Ich denke an Manfred Ibrahim Böhme, der Dissident, Oppositioneller, Spitzenkandidat der Ost-SPD von 1990 und vor allem Stasi-Spitzel war und sich völlig in seinen vielen Identitäten seiner multiplen Persönlichkeit verheddert hat. 

Identität hat es auch damit zu tun, dass ich nicht in zu vielen verschiedenen Welten lebe, die zueinander in Widerspruch stehen. Also eine gewisse Konsistenz oder Konsequenz der Lebensführung ist notwendig, und zwar eine in Richtung von Wahrheit, Freiheit und Gutsein, denn sonst komme ich in einen Dauerwiderspruch mit meinem Gewissen. Und das zerreißt.  

Ich bin auch einmal einem Mann begegnet, der mir allen Ernstes sagte, dass er nicht mehr derselbe sei, wie mit dreißig Jahren, damit aber nicht meinte, dass er nun graue Haare und Falten habe, sondern tatsächlich meinte, es gäbe keinerlei Identität zwischen ihm heute mit sechzig und ihm damals mit dreißig. Das war für mich sehr verwirrend. Allerdings ist es wohl auch rein denkerisch sehr schwierig diese Identität innerlich zu beweisen, wenn jemand sie bestreitet und man nicht die Fingerabdrücke, die DNS oder die Augen als solche Identitätsmerkmale für ausreichend hält. Es kann offensichtlich so sein, dass die Kontinuität mit mir selbst zerbricht. Wenn man die vielen weltanschaulichen Wendungen der deutschen Nation betrachtet, kann einem da ja schon schwindlig werden: Kaiserzeit und erster Weltkrieg, ein erster Zusammenbruch, Weimarer Republik, Nazizeit und Zweiter Weltkrieg – ein zweiter Zusammenbruch; kulturelle Revolution von 1968, Bruch mit der Nazigeneration, friedliche Revolution von 1989, ein dritter Zusammenbruch einer Weltanschauung. Kein Wunder, wenn man das nicht mehr in eins bekommt.

Wie ist das mit Ihnen? Sind sie sich sicher, wer Sie sind? Oder schwingt es hin und her? Was ist bei Ihnen das Entscheidende für die Identität? Für Ihre Identität? 

Mit einem Text von Bonhoeffer möchte ich mich verabschieden. Er findet Antwort auf seine Fragen in seiner Gefängniszelle vom Glauben her. 

15.06.2010 

Es grüßt Sie herzlich
Thomas Gertler SJ

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