Sie sind hier: {$rootlineLinkWrap}updateseele.de{$rootlineLinkWrap}Impuls der WocheWeite
DeutschEnglishFrancais



Das war das Motto des diesjährigen Katholikentags in Osnabrück.


Viele Tausende von jungen und älteren Katholiken, aber auch Glaubensgeschwistern aus den anderen christlichen Kirchen haben daran teilgenommen und das erfahren: Gott führt ins Weite. Viele Begegnungen, viele Gottesdienste, anregende Foren und die weite bis verwirrende Vielfalt von Ständen und Informationen auf der Kirchenmeile wollen nachher verarbeitet und mit in die heimatliche Gemeinde genommen und aufgenommen werden. Vielleicht waren Sie selbst auch dort?

Der Vers stammt aus dem Psalm 18 und ist David zugeschrieben als Dank für die Erfahrung seines Lebens, seine Erfahrung mit dem Gott, der ihn befreit aus der Todesgefahr feindlicher Bedrohung und der seine Füße auf weites Feld stellt. Diese Erfahrung setzt die seines Volkes mit dem Gott fort, der Israel aus dem Sklavenhaus Ägypten herausgeführt, aus der Bedrohung durch die Streitwagen und die Bedrohung durch das Rote Meer gerettet und in die Weite der Wüste und des Gelobten Landes geführt hat.

Es ist immer wieder die Erfahrung des Volkes Gottes und der einzelnen Gläubigen mit Gott. Ich möchte sie noch etwas vertiefen. Der Ausgangspunkt ist die Enge und die Angst im Leben der Gläubigen. Wie Jesus zu seinen Jüngern sagt: „In der Welt habt ihr Angst“ (Joh 16,33). Ja, wir haben Angst und leben in der Bedrängnis.

Sowohl als einzelne wie auch als Gemeinschaft, als Kirche. Immer wieder fühlen wir uns als Gefangene, als Begrenzte, als Gefesselte, sei es von den Umständen her, sei es von innen her aus unseren eigenen Unfähigkeiten und ständig wiederholten Fehlern und Unzulänglichkeiten. Und jeder kann sie aufzählen und benennen. Und es ist gut, das zu tun.
Die Psalmen und Geschichten der Bibel tun es immer wieder. Sie zählen Not und Bedrängnis auf und bringen sie klagend und bittend vor Gott.

Welches sind die meinen?

Worüber möchte ich klagen?

Traue ich mich, sie auszusprechen und dazu zu stehen, dass ich Hilfe brauche?


Schon das hilft, weil es die Sorge äußert, also nach Außen bringt und so auch Distanz dazu schafft. Und noch wichtiger, weil ich dann auch nicht mehr allein damit bin, sondern jemanden habe, mit dem ich sie teile.

Gott holt uns da heraus. Nicht immer und nicht sofort. Aber jeder Glaubende hat es wohl schon erfahren, dass Gottes Geist und Gottes Kraft heraus führt ins Weite. Und dass wir es glauben und darauf vertrauen können in der Situation unserer Bedrängnis, dazu erzählen wir immer wieder die Geschichten der Befreiung. Von Ägypten bis zu David, von der Befreiung aus Babylon bis zur Auferweckung Jesu. Von den ängstlichen und verschlossenen Jüngern am Ostersonntag bis zur pfingstlichen Freisetzung durch den Geist Gottes und der großen Freude und dem Jubel.

Für mich war eine solche Erfahrung der Befreiung biblischen Ausmaßes die Wende von 1989. Ich weiß noch, wie ich damals in Erfurt die Nachricht von der ersten Montagsdemonstration in Leipzig gehört habe, bei der die Leute nicht mehr geschlagen, verhaftet und abtransportiert wurden. Und wie ich die Wirkung geradezu körperlich gespürt habe. Als wenn eine schwere graue Decke, die auf allem und auch mir lastete und jede Bewegung hemmte, nun weggezogen wurde und wie ich mich endlich aufrichten und aufatmen konnte. Wie ich eine ganz tiefe Freude und Dankbarkeit empfand.

Damit waren nicht alle Probleme weg. Damit fingen sie gerade richtig an. Aber es war doch wirklich alles neu und anders und nun konnten die Probleme angegangen werden, die vorher alle unter diese Decke gekehrt waren. Und so ist es immer mit der Befreiung und dem Ins-Weite-geführt-werden in dieser Welt, in der wir Angst haben.
Das löst nicht alle Probleme, sondern macht sie womöglich erst offenbar. Zum Beispiel beim Alkohol oder einer anderen Sucht. Mit dem entschiedenen Nein und der neu gewonnenen Freiheit fängt es erst an.

Das Wort: „Du führst uns hinaus in Weite“ darf nicht naiv und oberflächlich verstanden werden. Denn die Weite in die Gott führt, führt zugleich ins Konkrete, ins Engagement, ins Tun, in den Kampf.


In die Freiheit, nicht in die Freizeit und in die Ferien, an die man vielleicht zu leicht bei diesem Psalmvers denkt. Und der Aufbruch, der in die Weite führt, kann sehr schmerzhaft sein. Kann ein Aufgebrochenwerden, ja einen Stich ins Herz bedeuten wie bei Jesus am Kreuz.

Ich bin jetzt auf ein ergreifendes Beispiel für diese Weite gestoßen, in die Gott führt. Avigail, die Tochter eines Rabbiners, wurde in einer italienischen Fernsehsendung vorgestellt. Sie lernt bei ihrem Vater die Bibel kennen. Das mag nicht ungewöhnlich sein. Ungewöhnlich ist, dass diese junge Toraschülerin das Downsyndrom hat. Und so fragt die Moderatorin nicht gerade sensibel, ob sie sich denn zuerst als rechtgläubige Jüdin sehe oder eher als Behinderte mit Downsyndrom verstehe. Avigail hält die Hand ihres Vaters. Sie denkt nach. Dann sagt sie: ‚Also gut, zunächst sei sie eine ‚Down’, ganz zweifellos. Eine rechtgläubige Jüdin zu werden, bemühe sie sich.’ Und dann sagt sie den Satz, der die Fragerin beschämt, mich anrührt und auch mir Hoffnung gibt und mich ins Weite mitnimmt: „Ich hoffe, über die Grenzen meines Chromosoms hinausgehen zu können“ (nach Otto Kallscheuer, Chromosom und Hoffnung, Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung vom 18. Mai 2008).

Das ist das Wunder der Hoffnung, das der Glauben vollbringt. Wir hoffen über die Grenzen, die uns unsere Gene, die uns unsere Herkunft, die uns unsere Lebensumstände und diese Welt auferlegen, hinausgeführt werden zu können.


Und das unterscheidet uns von jenen, die darin heute tatsächlich den Menschen komplett vorherbestimmt und eingeschlossen sehen.

„In der Welt habt ihr Angst. Aber habt Mut. Ich habe die Welt überwunden“ (Joh 16,33).


Diese Kraft der Hoffnung wünsche ich Ihnen. Gott führt uns ins Weite.