Sie sind hier: {$rootlineLinkWrap}updateseele.de{$rootlineLinkWrap}Impuls der WocheWahrheit
DeutschEnglishFrancais

Im Johannesevangelium ist an entscheidenden Stellen von der Wahrheit die Rede (Joh 1; Joh 8; Joh 14; Joh 16; Joh 18).

Eine ergreifende Stelle ist das Gespräch zwischen Jesus und Pilatus. Pilatus ist der, der mit der Wahrheit ein Problem hat: Was ist Wahrheit? Wer kann das schon sagen! Das ist ja so schwierig! Und das ist es ja auch, wenn ich es philosophisch klären will. Andererseits ist es aber auch sehr einfach, denn jeder Mensch hat auch ein „Wahrheitsgewissen“, mit dem ich spüre, was Wahrheit ist. Pilatus richtet sich aber nicht danach, sondern gibt dem Druck der Masse nach und lässt wieder seine Überzeugung Jesus kreuzigen.


Joh 18,33
Pilatus ging wieder in das Prätorium hinein, ließ Jesus rufen und fragte ihn: Bist du der König der Juden?

34
Jesus antwortete: Sagst du das von dir aus, oder haben es dir andere über mich gesagt?

35 Pilatus entgegnete: Bin ich denn ein Jude? Dein eigenes Volk und die Hohenpriester haben dich an mich ausgeliefert. Was hast du getan?

36 Jesus antwortete: Mein Königtum ist nicht von dieser Welt. Wenn es von dieser Welt wäre, würden meine Leute kämpfen, damit ich den Juden nicht ausgeliefert würde. Aber mein Königtum ist nicht von hier.

37 Pilatus sagte zu ihm: Also bist du doch ein König? Jesus antwortete: Du sagst es, ich bin ein König. Ich bin dazu geboren und dazu in die Welt gekommen, dass ich für die Wahrheit Zeugnis ablege. Jeder, der aus der Wahrheit ist, hört auf meine Stimme.

38 Pilatus sagte zu ihm: Was ist Wahrheit? Nachdem er das gesagt hatte, ging er wieder zu den Juden hinaus und sagte zu ihnen: Ich finde keinen Grund, ihn zu verurteilen.

39 Ihr seid gewohnt, dass ich euch am Paschafest einen Gefangenen freilasse. Wollt ihr also, dass ich euch den König der Juden freilasse?

40 Da schrien sie wieder: Nicht diesen, sondern Barabbas! Barabbas aber war ein Straßenräuber.

(c) Ken Marshall - Fotolia.com


Wahrheit

Immer wieder höre ich Zweifel daran, ob der Mensch überhaupt die Wahrheit erkennen kann. Ob er gar Wahrheit besitzen kann. Was denken Sie? Hat es nicht unendlich viel Leid über die Menschheit gebracht, wenn ich auf der Wahrheit meiner Überzeugung bestehe und andere auch dazu bringen will? Wenn ich sage: „Das Christentum ist wahr!“, erhebe ich damit nicht den Anspruch, dass auch alle anderen sich nach dieser Wahrheit zu richten haben? Ist das nicht schon dicht an einer Vermessenheit? Überhebe ich mich nicht damit? Also erhebe ich mich damit nicht über die anderen? Und versuche ich damit nicht etwas zu stemmen, was zu schwer für mich ist? Aber wenn ich andererseits als Christ nicht mehr sagen kann, der christliche Glaube ist wahr, dann muss ich ihn doch lassen? Oder?

Also zum ersten: können wir die Wahrheit erkennen? Ich sage Ja, Gott sei Dank!

Viele Wissenschaftler zweifeln heute daran, dass der Mensch die Wahrheit erkennen kann, obwohl die meisten Zeitgenossen nur noch für wahr halten, was die Wissenschaft sagt. Viele Wissenschaftler sind bescheidener. Sie versuchen nur noch zu sagen, was richtig ist, aber nicht mehr, was „wahr“ ist. Richtig ist etwas, was innerhalb eines bestimmten wissenschaftlichen Systems stimmt. Ob das wahr ist in einem Sinne einer immer und überall geltenden Wahrheit, das will kaum mehr jemand behaupten. Innerhalb der Wissenschaft mag eine solche Bescheidenheit berechtigt sein. Aber weder unser Alltagsleben kann ohne Wahrheit funktionieren, noch ein Denken, das über die Naturwissenschaften hinaus denken will. Denn kein Mensch, der Antworten auf die wesentlichen Lebensfragen finden will, kann darauf verzichten, zu sagen, dass der Mensch Wahrheit erkennen kann. Schon eine ganz einfache Überlegung zeigt das.

Wenn ich sage, dass der Mensch die Wahrheit nicht erkennen kann, dann verletze ich mit dieser Behauptung die Logik. Denn wenn ich sage, der Mensch kann die Wahrheit nicht erkennen, dann will ja wenigstens dieser Satz wahr sein. Wenn der Satz aber wahr sein soll, dann hebt er sich ja selbst auf. Ich kann also logischerweise gar nicht behaupten, dass der Mensch die Wahrheit nicht erkennen kann.

Und weiter. Wenn ich behaupte, der Mensch sei nicht in der Lage die Wahrheit zu erkennen, dann behaupte ich zugleich, dass er sie nicht aussprechen kann. Wenn ich das aber behaupte, hebe ich jedes sinnvolle Gespräch zwischen uns Menschen auf, nicht nur die Logik. Logik kommt ja vom griechischen Wort „logos“ und das bedeutet Wort. Wenn ich behaupte, der Satz: „Es regnet!“, sei nicht wahr, während es draußen aus Kannen gießt, mache ich mich lächerlich. Denn das ist offensichtlich. Wenn ich ganz generell behaupte, der Mensch sei nicht in der Lage die Wahrheit zu erkennen und sie auszusprechen, dann kommt es zu solchen Absurditäten.

Aber das geht noch weiter: Unser ganzes menschliches Zusammenleben funktioniert nur, wenn ich mich im Großen und Ganzen darauf verlassen kann, dass wir einander die Wahrheit sagen. Natürlich wissen wir und erleben wir, dass Menschen sich irren, ja bewusst lügen. Aber sogar die Lüge funktioniert nur unter der Voraussetzung, dass die Menschen normalerweise die Wahrheit sagen. Die Lüge tut ja alles, um für wahr gehalten zu werden.

Und noch einen Schritt weiter. Für mich hängt die Wahrheitsfähigkeit des Menschen direkt mit seiner Würde als Mensch zusammen. Wie denn das? Wenn ich die Wahrheitsfähigkeit des Menschen abschaffe, dann liefere ich den Menschen jeder möglichen Manipulation aus. Er könnte dann eben nicht mehr Wahrheit und Irrtum, Wahrheit und Lüge unterscheiden.

Das habe ich selbst erfahren. Lange habe ich im System der DDR gelebt, deren Nachrichtensendungen und Zeitungen voller Lügen waren. Es gab immer nur Erfolgsmeldungen, ob in der Produktion, bei der Ernteschlacht, bei den Errungenschaften der Partei oder den „Erfindungen“ der Wissenschaft. Selbst die Stasi hat nicht die realen Zahlen der Ausreiseanträge gekannt, weil die einzelnen Behörden, bei denen sie eingereicht wurden, auch diese Zahlen wieder manipuliert haben, um Ärger mit der nächst höheren Stelle zu vermeiden. So wurde eben einfach gesagt: „Sie sind nicht berechtigt, einen Ausreiseantrag zu stellen.“ Und schon gab es ihn nicht. Das war dann am Ende wirklich ein System, bei dem niemand mehr wusste, was wahr ist. Wie haben wir uns damals nach der Wahrheit gesehnt.

Bei den letzten Wahlen unter dem SED-Regime wollten viele die Lüge nicht mehr mitmachen, sondern die Wahrheit wissen. Sie waren bei den Stimmauszählungen dabei und haben mitgezählt haben und stellten fest, das gefälscht wurde. Als die Bürger, darunter viele Christen, die Partei-Oberen damit konfrontierten, kamen äußerst aggressive und bedrohende Antworten: „Wer die Hand gegen den sozialistischen Staat erhebt, der wird seine Macht zu spüren bekommen.“ Aber mit diesem Ernstnehmen der Wahrheit und der eigenen Menschenwürde war auch das Ende des Systems nahe gekommen. Wie es Alexander Solschenizyn in seiner Nobelpreisrede über die Literatur gesagt hat:

"Was vermag die Literatur gegen den unerbittlichen Druck der offenen Gewalt? [...] Jeder, der die Gewalt zu seiner Methode gemacht hat, muss zwangsläufig die Lüge zu seinem Prinzip erwählen. Es ist der einfache Schritt eines einfachen tapferen Mannes: sich nicht an der Lüge zu beteiligen, keine verlogenen Handlungen zu unterstützen! Doch dem Schriftsteller und Künstler ist mehr erreichbar: der Sieg über die Lüge! Schon immer hat die Kunst im Kampf mit der Lüge gesiegt, und sie wird immer siegen - sichtbar, überzeugend für alle."


Und das habe ich auch erlebt in der Liebe und Verehrung vieler unserer Schriftsteller, die oft ganz versteckt die Wahrheit gesagt haben. Und auch, dass man aus Angst vor der Wahrheit Schriftsteller ausgebürgert hat. Nicht nur Wolf Biermann und Alexander Solschenizyn.

Und ein letztes Wort, auch wenn der Impuls heute schon lang geworden ist: Die Wahrheit kann ich nie besitzen. Ich kann mich ihr immer nur unterstellen. Ich kann mich nach ihr richten. Ich kann ihr die Ehre geben. Ich kann ihr dienen. Denn die Wahrheit ist immer größer als ich. Darum erkenne ich auch nie alle Wahrheit völlig und umfassend. Dann wäre ich Gott. Aber dennoch kann ich sie erkennen und aussprechen.

Das Schöne an der Wahrheit ist, dass sie einleuchtet. Ich hoffe, Sie haben das schon einmal erlebt. So einen Moment, wo Ihnen die Wahrheit aufgegangen ist – wie die Sonne. Ich kann mich ihr zwar verschließen und das Rollo runterlassen. Aber dann sitze ich im Finstern und das lebe in der Lüge, die am Ende immer an der Wirklichkeit zerbricht wie die DDR. Auch die Wahrheit des Glaubens kann so einleuchten. Das ist ein großes Geschenk. Dann erfahre ich, dass mich die Wahrheit frei macht - mehr noch und tiefer als bei der friedlichen Revolution - und das wünsche ich Ihnen

(13.10.2009)