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Es ist interessant zu beobachten, wie der auferstandene Christus Petrus und Maria Magdalena auf ganz gegensätzliche Weise behandelt.

Zu Maria sagt er: „Halte mich nicht fest!“ (Joh  20,17). Zu Petrus: „Du musst dich binden lassen!“ (Joh 21,18). Sie sollten das einmal nachlesen. Aber heute will ich einmal den berühmtesten Liebestext des Neuen Testamentes hier zitieren. Das 13. Kapitel des ersten Briefes des Apostels Paulus an die Korinther:

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1 Kor 13,1
Wenn ich in den Sprachen der Menschen und Engel redete, / hätte aber die Liebe nicht, / wäre ich dröhnendes Erz oder eine lärmende Pauke.

2
Und wenn ich prophetisch reden könnte / und alle Geheimnisse wüsste / und alle Erkenntnis hätte; / wenn ich alle Glaubenskraft besäße / und Berge damit versetzen könnte, / hätte aber die Liebe nicht, / wäre ich nichts.

3
Und wenn ich meine ganze Habe verschenkte / und wenn ich meinen Leib dem Feuer übergäbe, / hätte aber die Liebe nicht, / nützte es mir nichts.

4
Die Liebe ist langmütig, / die Liebe ist gütig. / Sie ereifert sich nicht, / sie prahlt nicht, / sie bläht sich nicht auf.

5
Sie handelt nicht ungehörig, / sucht nicht ihren Vorteil, / lässt sich nicht zum Zorn reizen, / trägt das Böse nicht nach.

6
Sie freut sich nicht über das Unrecht, / sondern freut sich an der Wahrheit.

7
Sie erträgt alles, / glaubt alles, / hofft alles, / hält allem stand.

8
Die Liebe hört niemals auf. / Prophetisches Reden hat ein Ende, / Zungenrede verstummt, / Erkenntnis vergeht.

9
Denn Stückwerk ist unser Erkennen, / Stückwerk unser prophetisches Reden;

10
wenn aber das Vollendete kommt, / vergeht alles Stückwerk.

11
Als ich ein Kind war, / redete ich wie ein Kind, / dachte wie ein Kind / und urteilte wie ein Kind. Als ich ein Mann wurde, / legte ich ab, was Kind an mir war.

12 Jetzt schauen wir in einen Spiegel / und sehen nur rätselhafte Umrisse, / dann aber schauen wir von Angesicht zu Angesicht. Jetzt erkenne ich unvollkommen, / dann aber werde ich durch und durch erkennen, / so wie ich auch durch und durch erkannt worden bin.

13
Für jetzt bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; / doch am größten unter ihnen ist die Liebe.

(c) Melissa King - Fotolia.com


Unglück in der Liebe

Meist denken wir, zu lieben ist ja ganz leicht und geht von selbst, wenn es nur der/die Richtige ist. Erich Fromm, der berühmte Psychoanalytiker und Sozialpsychologe, hat gegen diese Meinung ein Buch geschrieben, das sehr erfolgreich war und dessen Kerngedanke lautet: beinahe jede/r kann der/die Richtige sein, wenn ich mich auf die „Kunst des Liebens“(so hieß sein Buch) verstehe. Liebe will also gelernt sein. Liebe ist nicht nur ein Gefühl wie die Verliebtheit, sondern Liebe betrifft alle meine menschlichen Fähigkeiten, also auch Verstand und Willen. Darum kann sie gelernt werden und ist nicht nur einfach da oder einfach wieder weg wie das Gefühl der Verliebtheit.

Was ist das Erste bei der Liebe? Das Erste ist, dass ich den/die andere/n nehme, wie er/sie ist. Es ist also erst einmal die Bedingungslosigkeit der Annahme des anderen. Nicht also: ich liebe dich nur, wenn… du erfolgreich bist, immer bei mir bist, wenn du immer nett bist, wenn du genug Geld hast, immer so schön bleibst usw. Bedingungen kennen wir alle. Oft sind uns solche Bedingungen oder Erwartungen gar nicht recht bewusst. Wir halten sie für selbstverständlich. Das muss doch sein. Aber wenn ich immer schon feste Vorstellungen, Bedingungen, Erwartungen habe, dann sehe ich meinen Partner schon gar nicht ganz. Nehme ich ihn eben nicht ganz an. Vielmehr muss es heißen: Du darfst so sein, wie du bist. Ja, ich bin dankbar dafür, dass Du da bist. Punkt. Das ist schon mal ein guter Anfang. Denn das setzt nicht sofort unter Spannung und unter Druck. So bedingungslos liebt uns auch Gott.

Du musst aber nicht so bleiben. Das ist der zweite Grundsatz. Du darfst dich auch verändern. Es ist oft ein Trennungsgrund für Paare, wenn einer der beiden sich zu entwickeln und zu verändern beginnt. Der Partner ist zuweilen damit gar nicht einverstanden. Es soll sich nichts ändern. Die Frau soll das Heimchen bleiben. Es war doch so schön. Warum musst Du jetzt anfangen, wieder in den Beruf zu gehen oder dieses Interesse (z.B. am Glauben) entwickeln. Das macht mir Angst. Das will ich nicht.

Aber jede Beziehung (auch die Gottesbeziehung) muss sich entwickeln und vertiefen, wenn sie bleiben soll. Wer das nicht will und zulässt, wird unglücklich… Wir können eine Beziehung nicht an einem Punkt festfrieren. Wenn wir das tun, erfriert die Beziehung tatsächlich. Natürlich muss über Veränderungen gesprochen werden. Es kann der eine nicht plötzlich jeden Tag, ohne was zu sagen, eine Stunde früher aufstehen. Das führt zu einer empfindlichen Störung. Aber es muss die Möglichkeit zur Veränderung geben.

Wir sind damit schon am nächsten wesentlichen Punkt. Man muss miteinander reden lernen. Und zwar möglichst über alles. Auch und gerade über Konflikte. Und das ist gar nicht leicht. Und da gibt es oft eine Ungleichgewichtigkeit. Frauen tun sich leichter, ihre Gefühle zu äußern. Männer tun sich schwerer. In der Regel. Nicht immer. Aber das Gespräch ist das, was bleibt und bleiben muss. Was gelernt werden muss. Sogar richtig streiten will gelernt werden. Jugend vergeht. Aber wenn das Gespräch vergeht, dann vergeht auch die Beziehung. Und wenn man sich nichts mehr zu sagen hat, dann stirbt das Miteinander. Dann ist kein Interesse mehr da. Dann hat man sich schon alles gesagt. Dann gibt es nichts mehr auszutauschen. Das ist schlimm. Ein Unglück. Dann ist man meist miteinander fertig. Ich bin nicht mehr neugierig auf den anderen. Er/sie ist kein Geheimnis mehr für mich. Ich habe mir endgültig ein Bild vom anderen gemacht. Ich habe ihn festgelegt. Sie/er kann da nicht mehr raus. Darüber hat Max Frisch sehr schön geschrieben: „Du sollst Dir kein Bild machen…“ (Max Frisch, Tagebuch 1946-1949, Berlin 1988, 30f). Es gilt für Gott. Es gilt auch für den Nebenmenschen.

Ich kann in diesem Impuls unmöglich alle Möglichkeiten, wie wir in der Liebe unglücklich werden können, behandeln. Aber auf zwei will ich doch noch aufmerksam machen. Oft vergöttern wir den Partner. Das ist sehr gefährlich für das Glück. Der/die andere wird damit nämlich überfordert. Er/sie kann unmöglich ALLES für mich sein. Und der/die andere will nicht nur bewundert und angebetet werden, sondern reales Gegenüber sein, und zwar auf Augenhöhe. Es macht keinen Spaß, wenn da jemand ständig vor einem kniet. Vergöttern bedeutet andererseits, viel zu viel an Ansprüchen und Erwartungen an den anderen zu stellen. Das wird dann wirklich zu VerGÖTTerung. Dem kann kein Mensch gerecht werden. Enttäuschung und Schrumpfen auf das menschliche Maß sind unvermeidlich. Kein Mensch muss, kann oder darf an Gottes Stelle treten. Das ist Warnung, aber auch eine frohe Botschaft.

Und der nächste und letzte Punkt das ist das Unglück, das entsteht, wenn wir die Spannung zwischen Freiheit und Bindung in der Beziehung in eine Richtung hin auflösen. Liebe ist ja einerseits tiefste Bindung zwischen zwei Menschen. Andererseits erleben die beiden ihre Verbundenheit gerade als Befreiung. Die Liebe setzt frei. Ich bekomme neue Kräfte, Phantasie und Mut. Weil ich angenommen und bejaht bin, wachsen mir Flügel. Ich kann fliegen und kann Bäume ausreißen. So sind Freiheit, Bindung und Verbundenheit kein Gegensatz, sondern gehören zusammen. Trotzdem stehen sie in Spannung. Und auch da gibt es oft eine Ungleichgewichtigkeit. Der eine will immer mehr Freiheit. Die andere will immer mehr Bindung. Das ist jetzt schon sehr stereotypisch gesagt. Aber es trifft nicht immer so zu: Männer – bindungsscheu und Frauen - klammerfreudig. Heute gibt es das auch umgekehrt.

Welcher Typ sind Sie denn?

Ich schreibe mal stereotypisch weiter. Für denjenigen, der immer mehr Freiheit will, besteht die Aufgabe darin, sich binden zu lassen und sich wirklich festzulegen. Die Fluchttendenzen einmal sein zu lassen. Und die Ängste, die dahinterstecken. Und diejenige, die immer mehr Bindung will, muss lernen, frei zu lassen und los zu lassen. Und der Angst, der Liebste würde mir gestohlen und weggenommen, einmal nicht zu folgen. Beide müssen Vertrauen lernen: dass ich durch meine Bindung nicht die Freiheit verliere, sondern vertiefe. Dass ich durch das Loslassen nicht den Liebsten verliere, sondern gewinne. Folge ich konsequent meinen Ängsten, dann werde ich unglücklich. Wage ich es, meine Tendenzen zu überwinden, gewinne ich Weite, Freude und Glück und auch meinen Partner neu.

Das wünsche ich Ihnen!

(01.09.2009)