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Die typische Geschichte der Übertreibung in der Bibel ist die Geschichte vom Turmbau zu Babel im 1. Buch Mose oder im Buch Genesis. Es kann nicht hoch genug sein. Es muss ein Wolkenkratzer, ja ein Himmelskratzer sein. Aber für den unendlich großen Gott ist das Gebäude so klein, dass er vom Himmel herabsteigen muss, um es überhaupt wahrzunehmen. Das ist auch so eine kleine humorvolle Wendung in der Geschichte. Aber auch hier ist klar, wohin die Übertreibung führt: in die Zerspaltung der Menschheit und in das gegenseitige Missverstehen. Erst zu Pfingsten, erst durch Gottes guten Geist verstehen dann die Menschen einander wieder (vgl. Apg 2,6-12)

Quelle: Wikipedia

Gen 11,1 Alle Menschen hatten die gleiche Sprache und gebrauchten die gleichen Worte. 

2 Als sie von Osten aufbrachen, fanden sie eine Ebene im Land Schinar und siedelten sich dort an. 

3 Sie sagten zueinander: Auf, formen wir Lehmziegel und brennen wir sie zu Backsteinen. So dienten ihnen gebrannte Ziegel als Steine und Erdpech als Mörtel. 

4 Dann sagten sie: Auf, bauen wir uns eine Stadt und einen Turm mit einer Spitze bis zum Himmel und machen wir uns damit einen Namen, dann werden wir uns nicht über die ganze Erde zerstreuen. 

5 Da stieg der Herr herab, um sich Stadt und Turm anzusehen, die die Menschenkinder bauten. 

6 Er sprach: Seht nur, ein Volk sind sie und eine Sprache haben sie alle. Und das ist erst der Anfang ihres Tuns. Jetzt wird ihnen nichts mehr unerreichbar sein, was sie sich auch vornehmen. 

7 Auf, steigen wir hinab und verwirren wir dort ihre Sprache, sodass keiner mehr die Sprache des anderen versteht. 

8 Der Herr zerstreute sie von dort aus über die ganze Erde und sie hörten auf, an der Stadt zu bauen. 

9 Darum nannte man die Stadt Babel (Wirrsal), denn dort hat der Herr die Sprache aller Welt verwirrt, und von dort aus hat er die Menschen über die ganze Erde zerstreut. 

Seitwert
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Übertrieben 

Wir übertreiben gern. Bei einer Geschichte, die ich erzähle, schmücke ich die Details etwas aus, schildere alles etwas plastischer und drastischer. Das macht die Sache spannender und interessanter. Jede/r übertreibt wenigstens ein bisschen. Sie nicht? Ist ja nicht schlimm. 

Aber auch da steckt der Teufel drin. Also vielleicht nicht so sehr beim Aufschneiden und Angeben. Obwohl auch das krankhafte Züge annehmen kann. Ich meine etwas anderes. Wir übertreiben oft gute Eigenschaften von uns und verderben sie auf diese Weise. Also das habe ich ja schon oft genug geschrieben, dass ich eher großzügig im Ordnung halten bin. Mein Schreibtisch sieht oft sehr unaufgeräumt aus. Ich habe mir dann meist als letzte Bastion der Ordnung und der heilen Welt einen kleinen Teil in meinem Zimmer gelassen, wo ich nichts hingestapelt habe. Wo dann noch Platz war, um mein kleines Kreuz hinzulegen und eine Kerze, nichts weiter. Aber es besteht immer die Gefahr, dass auch dieses Letzte noch versackt und ich mit ihm. Also die gute Eigenschaft der Großzügigkeit wird bis ins Unordentliche getrieben und von da ins Chaos übertrieben und am Ende kriege ich nichts mehr geregelt. 

Es gibt aber auch den sehr ordnungsliebenden Menschen. Bei ihnen geht die Neigung dahin, die Ordnung bis ins Widersinnige zu steigern. Es gab mal bei Otto Walkes so eine kleine Geschichte einer äußerst reinlichen Hausfrau. Der sagte dann am Ende der Putzteufel ins Ohr: „Das einzige, was jetzt noch in dieser Wohnung nicht ganz keimfrei sauber ist, das bist DUUUU!“ Und schmiss sie aus ihrer Heimstatt. Man kann es eben auch übertreiben. Wo ist denn Ihre persönliche Gefährdung des Übertreibens? 

Wieder gilt diese Tendenz nicht nur für den einzelnen, sondern auch für ganze Gruppen, Betriebe oder Branchen. Am lächerlichsten oft in der Mode. Da werden dann die Schuhe immer plateauförmiger, bis es nicht mehr möglich ist, darin zu laufen. Und da ist es dann geradezu wörtlich „vom Erhabenen zum Lächerlichen nur ein kleiner Schritt“. Sie können ja einmal selbst über Ihre Erfahrungen in dieser Richtung nachdenken. Wir neigen eben zum Übertreiben. 

Das kann sogar tödlich und mörderisch sein. Das Wettrüsten ist so ein Thema. Am Ende des kalten Krieges hatten beide Seiten das mehrfache Potential die ganze Menschheit zu vernichten. Macht und Geld ohne Maß anzuhäufen ist genauso lebensbedrohlich für die ganze Welt. 

Meistens handelt es sich wie gesagt um gute Eigenschaften und wichtige Themen. Ordnung ist ja wirklich wichtig. Aber sie kann eine solche Eigendynamik entfalten, dass ich am Ende alles zu Tode geregelt habe und Leben vor lauter Paragraphen nicht mehr lebbar ist. Und die Betroffenen merken von dieser gefährlichen Dynamik oft lange nichts. 

In der DDR war es das Thema Sicherheit, das so wichtig war. Sicherheit, Staatssicherheit an erster Stelle. Und sie hatte auch ihre Eigendynamik, nämlich alles wissen zu wollen. Und an diesem Allwissenheitswahn ist sie schließlich erstickt. Sie hatte so viel an Material über die bösen Bürger angehäuft, dass sie es nicht mehr bewältigen konnte. 

Bei anderen lässt sich diese Gefahr zur lebensgefährlichen Übertreibung immer leichter erkennen als bei einem selbst. Wo liegt denn Ihre Schlagseite und Ihre gefährliche Eigendynamik? Es muss etwas sein, was ihnen leicht fällt. Was oft ganz automatisch geht. Ja, was oft gerade Ihre Stärke ist. Eine Stärke, die die anderen oft schwach macht. 

Es gibt diese Neigung zum Übertreiben auch und gerade leicht auf dem religiösen Bereich. Ja, da ist die Gefahr häufig besonders groß. Gerade da möchte man ja alles richtig und gut machen. Und dann liegt die Gefahr der Übertreibung ebenfalls besonders nahe. Früher war das die Strenge und Gesetzesfrömmigkeit, die zu verlogenen Haltungen geführt hat. Heute ist es bei uns manchmal eher das Gegenteil, also ein Mangel an Ernsthaftigkeit und Klarheit, eine Unsicherheit und Laxheit und ein falscher Liberalismus. Das treibt dann auf der anderen Seite Fundamentalismus und Fanatismus hervor. 

Die Regeln der Unterscheidung wollen uns lehren, dass uns Gottes Geist aus dieser Übertreibung herausholt und uns wieder ins Normale führt. Er führt in die Ausgewogenheit. In die Mitte. In das Lebbare. In das menschliche Maß. Nicht in die Mittelmäßigkeit! Aber heraus aus dem Extrem. Das erfordert Demut. Es braucht die Bereitschaft, auch auf dem im Prinzip richtigen Weg wieder umzukehren, wenn er zu steil wird, ihn zu gehen. Das erfordert Geduld, weil wir warten müssen und die Dinge nicht übers Knie brechen können. Und es hilft dazu Humor zu haben, denn Humor bedeutet zur Menschlichkeit und zu unseren Grenzen Ja zu sagen, sogar darüber lächeln zu können. 

Und so ein Lächeln über unsere ständigen Übertreibungen, aber auch unsere Grenzen, die uns - Gott sei Dank – vor dem Schlimmsten bewahren, das wünsche ich Ihnen 

Thomas Gertler SJ 

17. August 2010

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