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Den folgenden Text aus dem Jesajabuch (45,8) singen wir heute im Gottesdienst, und zwar in der sogenannten Rorate-Messe im Advent und im Lied von meinem Mitbruder Friedrich von Spee, das er mitten im 30jährigen Krieg voll Sehnsucht nach Frieden und Gerechtigkeit geschrieben hat.

(c) cegli - Fotolia.com

Jes 45,8 Taut, ihr Himmel, von oben, / ihr Wolken, lasst Gerechtigkeit regnen! Die Erde tue sich auf und bringe das Heil hervor, / sie lasse Gerechtigkeit sprießen. / Ich, der Herr, will es vollbringen. 

Latein: Rorate coeli de super, et nubes pluant justum: aperiatur terra, et germinet Salvatorem… 

O Heiland, reiß die Himmel auf,
Herab, herab, vom Himmel lauf!
Reiß ab vom Himmel Tor und Tür,
Reiß ab, wo Schloß und Riegel für! 

O Gott, ein’ Tau vom Himmel gieß;
Im Tau herab, o Heiland, fließ.
Ihr Wolken, brecht und regnet aus
Den König über Jakobs Haus. 

O Erd’, schlag aus, schlag aus, o Erd’,
Daß Berg und Tal grün alles werd’
O Erd’, herfür dies Blümlein bring,
O Heiland, aus der Erden spring. 

Wo bleibst du, Trost der ganzen Welt,
Darauf sie all’ ihr’ Hoffnung stellt?
O komm, ach komm vom höchsten Saal,
Komm tröst uns hie im Jammertal. 

O klare Sonn’, du schöner Stern,
Dich wollten wir anschauen gern.
O Sonn’, geh auf, ohn’ deinen Schein
In Finsternis wir alle sein. 

Hier leiden wir die größte Not,
Vor Augen steht der ewig’ Tod;
Ach komm, führ uns mit starker Hand
Vom Elend zu dem Vaterland. 

Da wollen wir all’ danken dir,
Unserm Erlöser, für und für.
Da wollen wir all’ loben dich
Je allzeit immer und ewiglich.

Friedrich von Spee, geschrieben 1623, mitten im 30jähigen Krieg

 

(c) Céline GEHIER - Fotolia.com


Träume 

Da kommt so ein pummeliger Kittelschürzentyp in mittleren Jahren mit struppigen Terrierhaaren auf die Bühne gestapft, um bei einem Talentwettbewerb zu singen. Ihre Teilnehmerzahl hat sie sich unter den Hals geklebt fast wie eine Häftlingsnummer. Schrecklich. Die Jury und das Publikum sind von ihr eher peinlich berührt oder belustigt: „Da gibt es gleich was zu lachen.“ Davon lebt ja ein großer Teil solcher Veranstaltungen. Peinlichkeit und Schadenfreude. So ein Typ wie ich und du, der sich vor ein riesiges Publikum traut. Das muss ja wohl bestraft werden.  

Und dann fängt dieses späte Mädchen zu singen an und vom ersten Moment an geht es den Leuten durch und durch. Keiner kann sich dieser Stimme entziehen. Die Leute sind völlig weg, weinen und springen auf und klatschen. Und auch die Jury, die erst so distanziert und leicht ironisch wirkte, ist immer mehr verzaubert und betroffen.  

Als ich es diese Geschichte im Original auf YouTube gesehen habe, sind  auch mir die Tränen gekommen, und das passiert mir sehr selten. Bitte klicken Sie auf diesen Link, um das auch zu erleben. Susan Boyle – so heißt diese Frau – hat die Herzen berührt. Sie hat so etwas, wie eine Bekehrung und tiefe Freude bewirkt. Denn vorher waren die Leute ja eben ganz anders eingestellt, distanziert und zynisch, voller Erwartung auf eine Blamage und auf eine Bestätigung der niedrigen Erwartungen. Und dann dies ganz andere. Das Unerwartete, das mich mitten ins Herz trifft. Das Wunder. Es ist passiert. Und ich war dabei. Ich habe es erlebt. Es gibt das also tatsächlich, dass Träume wahr werden. Dass das Märchen vom hässlichen Entlein, das ein Schwan ist, Wirklichkeit wird. Es zeigt mir, manchmal steckt etwas in einem Menschen, was ganz unvermutbar war. Schönheit, Kraft und Grazie. Eben so ein Typ wie du und ich und zugleich ein einmalig begnadeter Mensch.  

Und ich kann es so sehr mitfühlen. Denn ich spüre ja, wie es Susan wohl zumute war, als sie die Bühne betrat. Nicht nur das Aufgeregtsein vor so vielen Menschen, nicht nur das Bewusstsein des negativen ersten Eindrucks, auch diesen heimlichen Widerstand gegen sie als Person und das, was sie sich da zutraut, hat sie mindestens unbewusst gespürt. Und dann dagegen anzusingen und zu siegen und zu bestehen und gewinnen, nicht nur die Prüfung, sondern die Herzen und die Bewunderung. Sie hatte den Mut und das Vertrauen und sie hat gewonnen. „She did it!“, wie es die Amerikaner gern sagen.  

Und das weckt auch in mir wieder die Sehnsucht nach dem Großen und Außergewöhnlichen. Das macht mir selbst Hoffnung. Das rührt mich zu Tränen, weil ich selbst vielleicht meine Träume selbst längst aufgegeben und vergessen habe. Und da ist ein Mensch, der es noch mal versucht, obwohl er schon 47 Jahre alt und eigentlich nicht mehr viel Neues zu erwarten ist. Ein Mensch, der die eigene musikalische Ausbildung abgebrochen hat, um die Mutter zu pflegen. Eine Frau, die nur noch in der Badewanne und im Kirchenchor gesungen hat. Deren Arbeit vor allem darin bestand, in ihrer Kirche mit zu helfen. Eine graue Kirchenmaus. Und heute kennen sie Millionen. Und die Schallplatte, die demnächst erscheint hat so viele Vorbestellungen, wie es das bei der Firma noch nie gegeben hat. Träume können wahr werden. Habe ich vielleicht meine Träume zu früh beerdigt und meine Sehnsucht zu früh begraben? Es ist möglich, dass sie wahr werden. 

Das Lied, das sie beim Wettbewerb gesungen hat, handelte auch genau davon. Es ist aus dem Musical „Les Miserables“ und schildert, was vielen so passiert, dass die Jugendträume, die Vorstellungen von einem guten und gerechten Gott, von der Liebe alle platzen und kaputt gehen. Mit dem Lied von Susan ist aber das Gegenteil geschehen. 

Welches sind Ihre Träume? Träume aus der Kindheit? Aus der Jugend? Welche sind mit Recht geplatzt? Welche dürfen niemals ganz und gar vergehen, weil dann mein Leben und diese Welt an Hoffnungslosigkeit zugrunde geht? Die Adventszeit ist eine Zeit, in der diese Träume immer wieder gesungen werden und in uns wieder wach werden. Sie werden wahr! Denn wie Dietrich Bonhoeffer gesagt hat: „Nicht alle unsere Wünsche, aber alle seine Verheißungen erfüllt Gott.“ 

Dass Sie das erleben, wünsche ich Ihnen

(01.12.2009)