Sie sind hier: {$rootlineLinkWrap}updateseele.de{$rootlineLinkWrap}Impuls der WocheSprachlos
DeutschEnglishFrancais

Johannes schreibt in seinem ersten Brief über die Erfahrung mit Jesus, der er das Wort Gottes nennt. In Jesus hat sich Gott selbst vollkommen ausgesprochen. Gott, der der Ursprung unseres Lebens ist. Die ersten Christen konnten „unmöglich schweigen über das, was sie gesehen und gehört hatten“ (Apg 4,20)


1 Was von Anfang an war, was wir gehört haben, was wir mit unseren Augen gesehen, was wir geschaut und was unsere Hände angefasst haben, das verkünden wir: das Wort des Lebens.

2
Denn das Leben wurde offenbart; wir haben gesehen und bezeugen und verkünden euch das ewige Leben, das beim Vater war und uns offenbart wurde.

3
Was wir gesehen und gehört haben, das verkünden wir auch euch, damit auch ihr Gemeinschaft mit uns habt. Wir aber haben Gemeinschaft mit dem Vater und mit seinem Sohn Jesus Christus.

4
Wir schreiben dies, damit unsere Freude vollkommen ist.

(c) cegli - Fotolia.com

 

Sprachlos

„Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen.“ Das ist ein berühmter und oft zitierter Satz von Ludwig Wittgenstein (1889 - 1951), einem bekannten Philosophen. Er wollte gern eine klare und eindeutige Sprache sprechen, eine Sprache, die den Tatsachen und den Sachverhalten entspricht. Ja, eine Sprache, die die Tatsachen und Sachverhalte abbildet. Also über etwas, das es gar nicht gibt, sollte man darum auch nicht sprechen. Sprache ist demnach nur auf der Seite der klaren und hellen und nachvollziehbaren Verstehbarkeit angesiedelt.

Der Satz stammt aus einer Zeit, in der Wittgenstein wohl tatsächlich der Meinung war, man könne eine solche Sprache entwickeln, die ganz genau die Tatsachen dieser Welt beschreibt, ja widerspiegelt. Das sah er am ehesten in der Naturwissenschaft gegeben. Später hat er selbst gesehen, dass sich dieses Ideal nicht durchhalten lässt. Ja, dass ein solches Ideal fragwürdig ist. Nicht nur dass die hochkomplexe und abstrakte mathematische Sprache auch der Naturwissenschaft oft nur von wenigen Experten zu verstehen und zu beurteilen ist, sondern selbst diese formalen Sprachen wurzeln zuletzt in unserer lebendigen und nie zu hundert Prozent exakten Alltagssprache und nehmen darum an den Rändern an deren Ungenauigkeit und darum auch Unsicherheit und Offenheit teil. Und am wichtigsten, wenn wir dem Satz folgen würden, müssten wir verstummen über vieles, was uns so wichtig ist zu sagen. Wir würden tatsächlich in sehr, sehr vielen und in zentralen Dingen sprachlos und stumm. Und wie viele von uns sind das!

Ich habe einmal einen Satz gehört, der vielleicht das Geheimnis der Sprache besser trifft. Ich kann ihn hier gar nicht wörtlich wiedergeben, denn ich habe ihn vor vielen Jahren in einem Vortrag über Sprachphilosophie gehört und so habe ich ihn verstanden und hilfreich für mich empfunden: Die Sprache ist am Ufer des Meeres der Sprachlosigkeit angesiedelt und möchte diesem Ozean neues Land des Sagbaren abgewinnen. Und dieses neue Stück Land kann dann besiedelt und Allgemeingut werden.

Am leichtesten können wir das bei den Dichtern nachvollziehen. Sie sprechen aus, was wir oft nur fühlen und ahnen, aber gar nicht in Worte fassen können. Und dann kommt so ein Satz in einer Geschichte oder eine Zeile in einem Gedicht und ich sage: „Ja, genau so…! So empfinde ich auch.“ Haben Sie das schon erlebt? Ist es Ihnen auch schon so gegangen? Und welch ein Glück, jemanden zu finden, der versteht und in Worte fasst, was ich immer nur so geahnt habe. Vielleicht sind Sie ja kein/e große/r Leser/in, aber Sie lieben Filme. Da kann es ebenso passieren. Große Filme führen die Zuschauer in eine Situation, in eine Erfahrung, die sie tief ergreift, weil sie sie nachfühlen können. Auch da ist dann dem Ozean des unsagbaren Geheimnisses unserer Wirklichkeit ein Stück Land abgerungen. Etwas, das nun geteilt und mitgeteilt und bewohnt werden kann.

So sehr wir oft darunter leiden, wie schwer es ist, sich auszudrücken, so sehr ist es nötig, dass wir es versuchen. Das ist ja letztlich die große Sehnsucht eines jeden Menschen, nicht nur etwas zu sagen, sondern letztlich sehnen wir uns danach, uns selbst auszusprechen. Und wir sehnen uns danach, einen Menschen zu finden, dem gegenüber wir das auch voll Vertrauen tun können. Und der mich gern anhört. Und gerade vom geliebten Menschen möchte ich auch genau das. Dass er/sie sich mir gegenüber mitteilt. Und zwar alles. Und auch das Unsagbare. Und ich werde nicht müde, ihm/ihr zu lauschen. Das ist Liebe. Das ist das, was die Bibel „Erkennen“ nennt. Freilich sind nach langer Zeit des gemeinsamen Lebens und der bewährten Liebe nicht mehr viele Worte nötig. Dann kann man auch miteinander schweigen und doch tief innerlich verbunden sein im Verstehen, im Bejahen und Lieben. Aber dem wortlosen Verstehen sind dann Jahrzehnte des Gespräches vorausgegangen.

Wann haben Sie sich zum letzten Mal in der Weise ausgesprochen? War es nicht wunderbar?

Sie werden schon ahnen, dass ich noch mehr sagen will. Ja, der große Ozean des Unsagbaren ist das Geheimnis der Wirklichkeit, unseres Daseins überhaupt und für die Gläubigen zugleich auch das unsagbare Geheimnis Gottes. Und gerade über dieses Geheimnis Gottes müssen wir (wieder) sprechen und sprechen lernen. Sonst wird unser Leben banal und nichtssagend. Wir sind nämlich in diesem göttlichen Bereich fast stumm geworden und sprachlos. Selbst die Dichter. Das hat auch Gründe. Gründe in der zu großen Geschwätzigkeit und Oberflächlichkeit der Frommen und Gottesgelehrten. Ja, im Missbrauch des Wortes „Gott“, wie Martin Buber in einem berühmten Text geschrieben hat. Und wie wir ihn bei religiös motivierter Gewalt erleben.

Das ist meine Sehnsucht, dass wir wieder, jede/r in ihrer/seiner Sprache und Erfahrung, im eigenen unverwechselbaren Sound, von der Ahnung, dem Spüren, dem Fühlen dieses tiefen Geheimnisses unter, hinter und in dem Geheimnis meines Lebens, meines Innersten sprechen und nicht schweigen. Das ist auch das Motiv für diesen wöchentlichen Impuls: unseren Alltagserfahrungen wieder diesen göttlichen Grund zu geben, nein besser, diesen göttlichen Grund zu erkennen und zu benennen. Eine Sprache zu finden für den Glauben und für die Wirklichkeit Gottes, das möchte ich. Und dazu möchte ich auch Sie ermutigen und befähigen. Wir müssen nicht sprachlos bleiben. Wir können sprechen, auch über das, was größer ist als wir selbst, über den, der immer unendlich mehr und größer ist, als wir aussprechen können, den wir aber bezeugen, den wir preisen, loben und lieben können.

Das macht uns froh. Diese Freude wünsche ich Ihnen!

(27.10.2009)