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Was der jüngere Sohn der Geschichte des Evangelisten Lukas von seinem Vater verlangt, ist eine tiefe Verletzung des Vater-Sohn-Verhältnisses. Denn das Erbe bekommt man erst, wenn der Vater tot ist. Der Sohn trennt sich also von seinem Vater wie von einem Toten… Aber der Vater lässt es zu und er lässt den Sohn wirklich ziehen. Er lässt ihn frei. Aber er lässt nicht von seiner Liebe zu ihm.

Bildquelle: Wikipedia

Lukas 15,1 Alle Zöllner und Sünder kamen zu ihm (Jesus), um ihn zu hören. 

2 Die Pharisäer und die Schriftgelehrten empörten sich darüber und sagten: Er gibt sich mit Sündern ab und isst sogar mit ihnen. 

3 Da erzählte er ihnen ein Gleichnis und sagte: 

11 … Ein Mann hatte zwei Söhne. 

12 Der jüngere von ihnen sagte zu seinem Vater: Vater, gib mir das Erbteil, das mir zusteht. Da teilte der Vater das Vermögen auf. 

13 Nach wenigen Tagen packte der jüngere Sohn alles zusammen und zog in ein fernes Land. Dort führte er ein zügelloses Leben und verschleuderte sein Vermögen. 

14 Als er alles durchgebracht hatte, kam eine große Hungersnot über das Land und es ging ihm sehr schlecht. 

15 Da ging er zu einem Bürger des Landes und drängte sich ihm auf; der schickte ihn aufs Feld zum Schweinehüten. 

16 Er hätte gern seinen Hunger mit den Futterschoten gestillt, die die Schweine fraßen; aber niemand gab ihm davon.

17 Da ging er in sich und sagte: Wie viele Tagelöhner meines Vaters haben mehr als genug zu essen und ich komme hier vor Hunger um. 

18 Ich will aufbrechen und zu meinem Vater gehen und zu ihm sagen: Vater, ich habe mich gegen den Himmel und gegen dich versündigt. 

19 Ich bin nicht mehr wert, dein Sohn zu sein; mach mich zu einem deiner Tagelöhner. 

20 Dann brach er auf und ging zu seinem Vater. Der Vater sah ihn schon von weitem kommen und er hatte Mitleid mit ihm. Er lief dem Sohn entgegen, fiel ihm um den Hals und küsste ihn. 

21 Da sagte der Sohn: Vater, ich habe mich gegen den Himmel und gegen dich versündigt; ich bin nicht mehr wert, dein Sohn zu sein.

22 Der Vater aber sagte zu seinen Knechten: Holt schnell das beste Gewand und zieht es ihm an, steckt ihm einen Ring an die Hand und zieht ihm Schuhe an. 

23 Bringt das Mastkalb her und schlachtet es; wir wollen essen und fröhlich sein. 

24 Denn mein Sohn war tot und lebt wieder; er war verloren und ist wiedergefunden worden. Und sie begannen, ein fröhliches Fest zu feiern. 

25 Sein älterer Sohn war unterdessen auf dem Feld. Als er heimging und in die Nähe des Hauses kam, hörte er Musik und Tanz. 

26 Da rief er einen der Knechte und fragte, was das bedeuten solle. 

27 Der Knecht antwortete: Dein Bruder ist gekommen und dein Vater hat das Mastkalb schlachten lassen, weil er ihn heil und gesund wiederbekommen hat.

28 Da wurde er zornig und wollte nicht hineingehen. Sein Vater aber kam heraus und redete ihm gut zu. 

29 Doch er erwiderte dem Vater: So viele Jahre schon diene ich dir, und nie habe ich gegen deinen Willen gehandelt; mir aber hast du nie auch nur einen Ziegenbock geschenkt, damit ich mit meinen Freunden ein Fest feiern konnte. 

30 Kaum aber ist der hier gekommen, dein Sohn, der dein Vermögen mit Dirnen durchgebracht hat, da hast du für ihn das Mastkalb geschlachtet. 

31 Der Vater antwortete ihm: Mein Kind, du bist immer bei mir, und alles, was mein ist, ist auch dein. 

32 Aber jetzt müssen wir uns doch freuen und ein Fest feiern; denn dein Bruder war tot und lebt wieder; er war verloren und ist wiedergefunden worden.

(c) thierry planche - Fotolia.com


Schuldig 

Schuld? Kann man darüber schreiben? Schuld ist zwar allgegenwärtig. Jede Zeitung, besonders die Boulevardpresse ist jeden Tag voll davon. Aber eigene Schuld? Kann man darüber schreiben? Ich meine damit nicht irgend was Harmloses, sondern etwas, das einem wirklich auf der Seele liegt, das aber „anständige“ Leute wie ich und du tun: schwerer Betrug, Steuerhinterziehung, Umweltverbrechen, Ehebruch, Verrat von Freundschaft um der Karriere willen, hassvoller Streit mit den Nächsten, Verrat an den eigenen Werten und am eigenen Glauben um des Fortkommens willen, Zerstörung von Berufswegen anderer. Alles das, was täglich vorkommt und die Welt und uns selbst kaputt macht.

Es ist ja so ein seltsames Phänomen, ob Deutschland, ob Russland, ob andere Länder, in denen Schreckliches geschehen ist: Es finden sich große Verbrechen, Berge von Leichen, ein zerstörter Landstrich oder gar Kontinent, aber am Ende ist es keiner gewesen. Ja, Schuld gibt es in großen Mengen, aber es gibt keine Schuldigen. Selbst wenn man so eine kleine Sache wie einen Blechschaden beim Auto nimmt. Beide Beteiligten sagen erst einmal, dass sie unschuldig sind. Auf jeden Fall. Der andere hat nicht aufgepasst. Kennen Sie das? Haben Sie es schon erlebt? Und es ist ja auch so verständlich. Wenn ich genauer hinschaue, verflüchtigt sich oft die Schuld. Dann waren es die Umstände und die Verhältnisse. Sogar wenn jemand vor Gericht schuldig gesprochen worden ist, ist das (mit Recht!) kein moralischer Schuldspruch, sondern der Schuldige ist nur vor dem Gericht, vor dem Gesetz schuldig gesprochen. Ein moralisches Urteil steht dem Gericht nicht zu. Und wie oft ist es so, dass die Täter selbst Opfer sind. 

Schuld sind die anderen. Dass ich selbst schuldig sein soll, das ist unerträglich für mich. Und je größer die Schuld, umso unerträglicher. Umso notwendiger ist es, einen anderen Schuldigen zu finden. Oder wenigstens eine Entschuldigung. So fängt ja schon in der Bibel die Schuldgeschichte der Menschheit an (Buch Genesis, 3. Kapitel). Adam sagt, nachdem er verbotenerweise im Paradies den Apfel gegessen hat: „Die Frau hat mich verführt.“ Eva sagt: „Es war die Schlange.“ Wir schieben die Schuld auf die anderen. Sehen Sie sich um. Alle machen es so. Ich auch. Selbstverständlich. 

Selbst schuldig zu sein ist wirklich unerträglich für uns. Ich kann das nicht tragen. Jede/r will das los sein und wieder unschuldig sein oder wenigstens in einer allgemeinen Schuld untertauchen. Denn das „alle machen es so“ und „wir alle sind ja kleine (und große) Sünderlein“ ist eine Entlastung. Dann bin ich es ja fast schon nicht mehr. Wenn ich schon nicht in der Gemeinschaft der Heiligen leben kann, dann doch wenigstens in der Gemeinschaft der Sünder. 

Persönliche Schuld macht den Menschen einsam. Ich kann kaum mit jemandem darüber sprechen. Wem soll ich mich denn anvertrauen? Doch nicht meinem Partner! Das belastet doch unsere Beziehung! Das macht doch das positive Bild von mir kaputt. Einem Priester? Ich kenn doch gar keinen. Heute geht doch kaum jemand zu einem Priester. Die Schwelle ist ja viel zu hoch. Die Schuld jagt mich durch die Nacht. Ich kann nicht mehr schlafen. Es ist da ein schwarzer Fleck. Ich will ihn verbergen. Ich will mich selbst verbergen. Ich möchte gern wieder zurück in die menschliche Gemeinschaft und kann doch nicht. 

Richtig über die Schuld sprechen kann ich erst dann, wenn sie vergeben ist. Erst dann kann ich sie erkennen in all ihrer Schrecklichkeit, in all ihrer Niederträchtigkeit, in all dem, was sie mit anderen und auch mit mir gemacht hat. All das Leid und all die Folgen von Lüge, Verleugnung und weiterer Zerstörung von menschlichem Zusammenleben. Ohne Vergebung kann es keine Aufarbeitung von Schuld geben. Vergebung kann es aber nur geben, wenn Schuld erkannt und als Schuld auch vom Schuldigen anerkannt ist. Ich kann ja niemandem vergeben, der sich selbst gar nicht als schuldig erkennt. Daran scheitern oft die Versuche von Aufarbeitung der Vergangenheit. 

Ist das nicht tragisch? Entsteht da nicht ein Teufelskreis? Schuld kann erst wirklich erkannt werden, wenn es Vergebung gibt. Oder wenigstens die Ahnung von Vergebung. Also zuerst muss es diese Möglichkeit zur Vergebung geben. Vergeben kann mir aber nur werden, wenn ich mich selbst als schuldig erkenne. Wie kann ich aus meinem Unschuldswahn heraus kommen? Was denn nun? Wie soll ich, wie sollen wir denn da raus kommen?  

Es geht nur dann, wenn es so etwas gibt wie den ersten Schritt auf den Schuldigen zu. Wenn es so etwas gibt wie Feindesliebe. Also eine so starke und souveräne Liebe, dass sie größer ist als meine Selbstverschließung, mein Selbsthass, mein Misstrauen, meine Angst und Aggression. Also eine Liebe, die nicht nach meiner „Liebenswürdigkeit“ fragt. Eine Liebe, die keine Bedingungen stellt. Eine Liebe, die mich nicht festlegt auf meine Schuld, sondern mehr in mir sieht als das alte Nazi-Schwein oder die Stasi-Zuträgerin, als die Ehebrecherin oder den gierigen Steuerhinterzieher. Gibt es eine solche Liebe? Eine solche Liebe, die tatsächlich einen solchen Panzer öffnen kann? Eine solche Liebe, die auch darauf zugeht und nicht zurückschreckt? Eine Liebe, die nicht verachtet und verurteilt? 

Ja, es gibt sie. Jesus hat uns davon erzählt und Jesus hat sie selber gelebt. Es ist die Liebe des barmherzigen Vaters im Evangelium (Lukas 15). Es ist die Liebe Jesu am Kreuz, die bittet: „Vater, vergib ihnen…“ (Lukas 24,34). Kann ich diese Liebe annehmen? Kann ich daran glauben? Wenn ich es kann, bin ich gerettet. Dann kann ich auch irgendwann mir selbst vergeben. Dann kann ich dankbar werden und selbst anfangen zu lieben und zu vergeben nach der Art Gottes. Ach, wäre das doch wahr!

(18.11.2009)