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Die Geschichte steht bei Matthäus im 8. Kapitel

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Mt 8,23
Er stieg in das Boot, und seine Jünger folgten ihm.

24
Plötzlich brach auf dem See ein gewaltiger Sturm los, sodass das Boot von den Wellen überflutet wurde. Jesus aber schlief.

25
Da traten die Jünger zu ihm und weckten ihn; sie riefen: Herr, rette uns, wir gehen zugrunde!

26
Er sagte zu ihnen: Warum habt ihr solche Angst, ihr Kleingläubigen? Dann stand er auf, drohte den Winden und dem See und es trat völlige Stille ein.

27
Die Leute aber staunten und sagten: Was ist das für ein Mensch, dass ihm sogar die Winde und der See gehorchen?

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Schläft Gott?

Nie oder doch? Es ist eine alte Erfahrung, dass Gott zu schlafen scheint. Er greift ja nicht ein. Er lässt ja alles geschehen. Wie jetzt das furchtbare Unglück in Viareggio in Italien mit vielen Toten, Schwerstverletzten und Vermissten oder die Flugzeugabstürze der letzten Zeit. Wie die großen und mörderischen Konflikte im nahen und mittleren Osten. Ich muss nicht alles nennen. Jede/r hat seine eigene Liste.

Schon in der Bibel selbst kommt das vor im Spott über die Götter, die keine sind. Elija macht sich lustig über die Baalspriester: „Schläft euer Gott Baal oder ist er gerade einmal beiseite getreten (1 Könige 18,27f)?“ Für Israel ist klar, dass Gott niemals schläft (Ps 121,3-4). Auch wenn das Volk Gottes selbst häufig die Erfahrung macht, dass Gott nicht eingreift und alles Unglück geschehen lässt. Oft und oft wird das in den Psalmen beklagt und vor Gott gebracht (am stärksten in Ps 22 und im Buch Ijob).

Schläft Gott? Mit der Menschwerdung Gottes, mit Jesus Christus bekommt diese Frage eine neue Dimension. Jesus schläft. Das ist klar. Ein romantisches Gefühl. „Alles schläft, einsam wacht nur das traute hochheilige Paar…“ Natürlich schläft auch der Knabe in lockigem Haar.
Ein solches Bild habe ich in der Jesuitenkommunität in Mailand gefunden. Ja, so wie dieses Kind möchte ich schlafen können. Ganz und gar versunken in einen tiefen und gesunden Schlaf. Ein fester Schlaf gehört ja zu Gottes großen Wohltaten. Und er hat es mit Loslassen, Sich-fallen-lassen, mit Vertrauen zu tun. Wie steht es mit meinem Schlaf? Sehr bildkräftig betet ein Soldat in Tolstois Roman „Krieg und Frieden“ abends am Feldrain: „Lieber Gott, lass mich schlafen wie ein Feldstein und erwachen wie ein frisches Weißbrot.“


Jesus hatte offensichtlich einen solchen guten Schlaf. Einen solchen Schlaf, der mit dem Vertrauen und dem Loslassen zu tun hat. Das schildert die bekannte Geschichte vom Seesturm. Die Wellen gehen hoch, schwappen ins Boot, aber Jesus schläft seelenruhig. Die Jünger haben Todesangst, aber Jesus schläft seelenruhig. Weil er sich ganz in Gottes Hand geborgen weiß. Und Gott, der Vater, schläft nicht. Er wacht über ihn. Er wacht über das Boot und er wacht über die Jünger. Und er gibt Jesus die Macht über Wind und Wellen. Ihm, seinem Sohn, der ganz und gar auf den Vater baut. Ein solches Vertrauen in Gott sollen auch wir Kleingläubigen lernen. Denn die Geschichte ist eine Geschichte, die sich immer wieder zuträgt. Wind und Wellen, Seenot und Lebensgefahr, Angst und Schrecken der Jünger und Jesus schläft im Boot. Die Situation der Kirche immer wieder. Das ist gut zu sehen auf dem berühmten Bild aus dem Hitda-Codex. Gewissermaßen über Zeit und Raum hinausgehoben scheint da das Schiff zu sein. Und die Chaosmächte umtoben es. Petrus hält den Mast fest. Jesus schläft. Nur ein einziger Jünger wendet sich zu Jesus um. Ein einziger Jünger bekehrt sich und kehrt sich Jesus zu. Er berührt ihn. Er weckt ihn auf. Können wir Jesus aufwecken? Kann ich mir vorstellen, Jesus, der in dem Schiff meines Lebens schläft, aufzuwecken?

Quelle: Wikipedia


Die Chaosmächte unsres ebens und der Welt können wir nicht aus eigener Kraft besiegen. Immer wieder versuchen wir das. Und wir scheitern. Es geht nur, wenn wir ganz zu Jesus umkehren. Zu ihm rufen. Ihn berühren. Der auferweckte Jesus wird ihnen gebieten. Und dann tritt Frieden ein. Dann hört das Gebrüll und das Toben auf. Wenn wir nur mit den eigenen Kräften die Probleme zu lösen versuchen, dann kommt oft eine sehr rationale, eine ökonomische und in Deutschland eine bürokratische Lösung heraus. Keine spirituelle und keine wirklich auf Dauer wirksame. Viele der angebotenen Lösungen für unsere Probleme in Kirche und Welt sind von der Art.

Ist tatsächlich der entscheidende Augenblick der Geschichte der, den der Künstler (oder die Künstlerin?) des Hidta-Codex festgehalten hat, in dem sich der eine bekehrt und Jesus auferweckt? Ist das vielleicht sogar der entscheidende Augenblick der Weltgeschichte? Der Augenblick der Auferweckung Jesu?

Denn darum geht es im letzten – nicht nur jetzt aus der Krise gerettet zu werden. Nicht nur für jetzt mein Problem gelöst zu bekommen. Es geht ja vielmehr ums Ganze der Welt. Das Boot ist nicht nur das Boot damals. Es ist nicht nur das Boot der Kirche. Es ist tatsächlich diese Welt. Das Universum. Alles. Das All, das immer weiter auseinanderfliegt. Das in den sicheren Kälte- oder Wärmetod eintaucht. Das ins Nichts hinein stürzt. Das sind die Dimensionen der Geschichte von der Stillung des Sturms. Nicht eine kleine aufregende Geschichte von damals. Die gar nicht so passiert ist, sondern aufgebauscht wurde beim Erzählen.

Nein, es ist tatsächlich dieses Bild aus dem Hidta-Codex, das die wahren Dimensionen zeichnet. Wir sind wie die Jünger immer wieder Menschen mit einem zu kleinen Glauben, mit einem zu beschränkten Horizont. Dieser Jesus, der aufgeweckt wird von dem einen Jünger, der umkehrt, der hat den Schiffbruch am eigenen Leib erfahren und erlebt. Der war zuvor schon untergegangen. Der war wirklich entschlafen, wirklich in den Tod hineingetaucht, bevor er auferstand. Der war verschlungen von den Chaos- und Todesmächten.

Darum kann er ihnen jetzt gebieten. Darum schafft er die Stille und den Frieden. Die glatte See und die sanfte Briese. Die besänftigte Seele und den Hauch des Heiligen Geistes. Die neue Welt Gottes, die schon begonnen hat mitten in den Todeskrisen dieser Welt. Jesus ist in diesem Boot der Welt – mit uns. Gehen wir zu ihm. Wecken wir ihn, der in unserem Herzen ruht. Er gebietet den Chaosmächten. Immer wieder stillt er die Stürme unseres Alltags.

Und daraus sollen wir Vertrauen gewinnen, dass er auch bei uns ist, wenn tatsächlich am Ende unser Lebensschiff untergeht. Wenn wir hinein sinken in den Schlaf des Todes. Dann wird er uns berühren und aufwecken. Und es wird dieser wunderbare Friede des Ostermorgens am See Tiberias sein.
(01.07.2009)