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Matthäus schreibt den wohl bekanntesten Text über das Gebet in der Bergpredigt. Da sagt er, dass wir uns aus der Rastlosigkeit der Straße in die Ruhe begeben sollen. Matthäus geht es freilich auch um unsere Motivation beim Gebet.

(c) Thomas Gertler


Bete ich, um vor mir oder anderen gut da zu stehen oder bete ich, um wirklich Gott zu begegnen, ihn anzubeten?

Mt 6,5 Wenn ihr betet, macht es nicht wie die Heuchler. Sie stellen sich beim Gebet gern in die Synagogen und an die Straßenecken, damit sie von den Leuten gesehen werden. Amen, das sage ich euch: Sie haben ihren Lohn bereits erhalten.

6 Du aber geh in deine Kammer, wenn du betest, und schließ die Tür zu; dann bete zu deinem Vater, der im Verborgenen ist. Dein Vater, der auch das Verborgene sieht, wird es dir vergelten.

7
Wenn ihr betet, sollt ihr nicht plappern wie die Heiden, die meinen, sie werden nur erhört, wenn sie viele Worte machen.

8
Macht es nicht wie sie; denn euer Vater weiß, was ihr braucht, noch ehe ihr ihn bittet.

9
So sollt ihr beten: Unser Vater im Himmel, / dein Name werde geheiligt,

10
dein Reich komme, / dein Wille geschehe / wie im Himmel, so auf der Erde.

11
Gib uns heute das Brot, das wir brauchen.

12
Und erlass uns unsere Schulden, / wie auch wir sie unseren Schuldnern erlassen haben.

13
Und führe uns nicht in Versuchung, / sondern rette uns vor dem Bösen.

14
Denn wenn ihr den Menschen ihre Verfehlungen vergebt, dann wird euer himmlischer Vater auch euch vergeben.

(c) Thomas Gertler


Rastlosigkeit und Ruhe

 
Wenn mein Sprachunterricht zu Ende ist, bin ich meist reichlich ausgelaugt. Mein Kopf brummt und es geht im Moment nichts mehr hinein. Dann freue ich mich auf meinen Heimweg. Er führt durch eine sehr belebte Straße, die Via Roma. Es macht mir dann Spaß all die verschiedenen Leute zu sehen. Touristengruppen mit Fotoapparat und Stadtführern in der Hand, elegante Pärchen, Studenten auf Fahrrädern, Afrikaner, die Sonnenbrillen oder Taschen verkaufen, vornehm gekleidete Herren stets mit Zeitung, junge schicke Italienerinnen Arm in Arm, zwischendrin auch die berühmten Motorroller. Und jede/r zweite hat gerade das Handy am Ohr, auch gern auf dem Fahrrad. Und beim Markt samstags auf der Piazza dei Signori ist das Gewimmel noch größer.
 
Eine halbe Stunde halte ich den Gang durch die Menge und die vielen Stände ganz gut aus. Da ist es auch ganz erholsam nach dem Unterricht. Aber dann wird mir auch das einfach zu viel. Zu bunt. Zu intensiv. Zu dicht. Und eigentlich überflüssig, denn ich will gar nichts kaufen. Und dann gehe ich nur ein paar Schritte raus aus dem Gedränge in eine der unglaublich vielen Kirchen. Die allermeisten sind immer offen. Ich trete durch den Windfang, der noch mehr ein Lärmfang ist, und schon ist Ruhe. Und wenn es nicht gerade eine Pilger- und Touristenkirche ist wie Sankt Peter in Rom oder die Antonius-Basilika hier in Padua, in denen fast immer Hochbetrieb herrscht, dann umfängt einen sofort die Stille, die Kühle, das gedämpfte Licht, alter Weihrauchduft (und abgestandener Leutegeruch). Ein völliger Wechsel zu dem Betrieb draußen. Das tut gut.
 
Fast nie ist man ganz allein. Meist gibt es Beter in der Kirche. Jetzt in diesen Maitagen wird gern der Rosenkranz gebetet. In einer Kirche hier im Zentrum ist immer Anbetung. Die Monstranz mit Christus in der Hostie leuchtet. Dort bin ich nun schon mehrfach gewesen. Und da halte ich es dann etwas länger aus als nur fünf Minuten. Leib und Seele, Kopf und Herz können sich ausruhen. Niemand will was von mir. Ich kann einfach nur da sein und sitzen oder knien, stehen oder herumgehen.
 
Die vielen Eindrücke, die vielen neuen Worte und Bilder von draußen können herabsinken. Friede kann einkehren. Mit dem selbst formulierten Gebet habe ich es im Moment nicht so leicht, weil ich in der neuen Sprache noch nicht zu Hause bin und ich mein Deutsch ja gerade nicht gebrauchen will. So lese ich die Bibel auf Italienisch und das geht sehr gut. Die meisten Texte sind mir ja vertraut. Manche auch recht leicht wie die Evangelien, besonders Markus und Johannes. Und immer wenn ich die Bibel in einer anderen Sprache lese, entdecke ich Neues, was mir so vorher gar nicht aufgefallen ist. Gerade weil es mir so vertraut war. Jetzt sehe und verstehe ich wieder neu.
 
So entdecke ich nun das Gebet, die Stille, den Kirchenraum neu als Fluchtpunkt, als Unterbrechung, als Erholung, als Geschenk Gottes an uns geplagte Menschen. Ich weiß, Deutschland hat vielleicht nur in Köln und Aachen, in Erfurt oder Münster so viele Kirchen auf engem Raum. Und viele sind auch noch geschlossen. Wo soll ich also hier einen solchen Flucht- und Ruhepunkt finden?
 
Entscheidend ist nicht so sehr die Fülle (oder der Mangel) an Möglichkeiten, entscheidend ist der Wille, von einer Möglichkeit tatsächlich Gebrauch machen zu wollen. Entscheidend ist der Wille, tatsächlich die Stille und das Gebet aufsuchen zu wollen. Hier in Italien ist zum Beispiel meine Gefahr, immer auf der inneren Suche nach dem nächsten Foto zu sein. Und schon ist es nichts mit wirklicher Stille.
 
Wenn ich tatsächlich einen Ausweg aus der Unruhe, aus der Hektik, aus dem Stress finden will. Wenn ich wirklich die Stille finden will, dann finde ich auch unter schwierigen Bedingungen einen Raum dafür. Sogar in Deutschland, sogar in einer Familie mit mehreren kleineren Kindern ist das möglich. Es ist nicht einfach. Aber es ist möglich, so eine Stelle, einen Raum und eine Zeit dafür zu finden und zu schaffen. Dafür sind vielleicht Gespräche und Abmachungen nötig. Und das ist nicht leicht, weil anscheinend niemand sonst so ein Bedürfnis zu haben scheint. Und doch geht es. Es geht zu Hause und es geht außerhalb.
 
Und wenn die anderen Familienmitglieder merken: der Vater oder die Mutter, die Schwester oder der Bruder sind leichter zu ertragen, wenn sie ihre stille Zeit in ihrer Gebetsecke hatten, dann kann es sein, dass diese heilige Zeit von den anderen sogar geachtet und unterstützt wird.
 
Jeden Tag hält Gott diese Wohltat für uns bereit. Mitten im Gedränge kann ich aussteigen. Ich muss es wollen. Dann geht es. Wirklich!
 
Viele Grüße

(13.05.2009)