Sie sind hier: {$rootlineLinkWrap}updateseele.de{$rootlineLinkWrap}Impuls der WocheKeine Zeit – leere Zeit – Fülle der Zeit (30.12.2009)
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Die Menschen vor 2000 Jahren waren nicht weniger von den Göttern des Zeitgeistes beherrscht als wir. Es sind die Elementarmächte, von denen Paulus in seinem Brief an die Christen in Galatien spricht. Gott hat uns von ihrer Macht befreit, als er sich selbst den Gesetzen der Zeit unterworfen hat.

 

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Gal 3,29
Wenn ihr aber zu Christus gehört, dann seid ihr Abrahams Nachkommen, Erben kraft der Verheißung.

4,1 Ich will damit sagen: Solange der Erbe unmündig ist, unterscheidet er sich in keiner Hinsicht von einem Sklaven, obwohl er Herr ist über alles;

2 er steht unter Vormundschaft, und sein Erbe wird verwaltet bis zu der Zeit, die sein Vater festgesetzt hat.

3 So waren auch wir, solange wir unmündig waren, Sklaven der Elementarmächte dieser Welt. [Die Vorstellung von den „Elementarmächten" geht zurück auf die antike Lehre von den vier Elementen, die alles Irdische bedingen und bestimmen. In späterer Zeit ging man davon aus, dass diese Elemente von göttlichen Wesen beherrscht werden (vgl. VV. 8f)].

4 Als aber die Zeit erfüllt war, sandte Gott seinen Sohn, geboren von einer Frau und dem Gesetz unterstellt,

5 damit er die freikaufe, die unter dem Gesetz stehen, und damit wir die Sohnschaft erlangen.

6 Weil ihr aber Söhne seid, sandte Gott den Geist seines Sohnes in unser Herz, den Geist, der ruft: Abba, Vater.

7 Daher bist du nicht mehr Sklave, sondern Sohn; bist du aber Sohn, dann auch Erbe, Erbe durch Gott.

8 Einst, als ihr Gott noch nicht kanntet, wart ihr Sklaven der Götter, die in Wirklichkeit keine sind.

9 Wie aber könnt ihr jetzt, da ihr Gott erkannt habt, vielmehr von Gott erkannt worden seid, wieder zu den schwachen und armseligen Elementarmächten zurückkehren? Warum wollt ihr von neuem ihre Sklaven werden?

10 Warum achtet ihr so ängstlich auf Tage, Monate, bestimmte Zeiten und Jahre?

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Keine Zeit – leere Zeit – Fülle der Zeit 

Ist Fülle der Zeit, wenn besonders viel los ist? Ist Fülle der Zeit, wenn ich jede Menge davon habe, also so etwas wie Freizeit? Vielleicht sollte ich das Wort verstehen von der Leere der Zeit her. Leere der Zeit heißt für mich Langeweile. Nix los. Ich sitze einfach nur so da. Sinnlos. Leer. Oder auch erschöpft, ausgelaugt, müde. Vielleicht trifft das jetzt am Ende der Weihnachtstage und zwischen den Jahren für viele zu. Wie in den Wochen vorher so oft gar keine Zeit und großer Druck vorhanden war. Leere Zeit für mich ist erst einmal negativ: sinnloses Warten wie im Stau, wie Zugverspätung oder Zeitvergeudung, wenn gerade ein Gerät nicht funktioniert und ich es wieder ganz machen (lassen) muss. Besonders häufig wohl bei Soldaten: die Hälfte seines Lebens wartet der Soldat – vergebens. Fülle der Zeit wäre dann wohl das Gegenteil. Nicht sinnloses Verrinnen der Zeit, sondern sinnerfüllte Zeit. Wann habe ich sie zuletzt erlebt? 

Wann bin ich ganz da? Wann bin ich ganz präsent? Gegenwärtig? So dass ich sogar die Zeit vergesse. In einem packenden Film. Ich bin ganz mitgenommen, weil mich der Film hinein zieht in das Geschehen und bewegt. Oder auch so, dass ich ganz von Schmerz, Tragik, Tränen erfüllt, aber trotzdem froh bin, dass ich diesen Film gesehen habe, weil er so ganz stimmig war, weil er eine Wahrheit gesagt hat, weil mich inmitten der Belanglosigkeit meines Lebens überhaupt einmal etwas berührt hat. Früher war ich oft so ergriffen nach klassischen Theaterstücken: Antigone von Sophokles oder Hamlet von Shakespeare oder Kleist oder Schiller. 

Oder im Spiel oder beim Sport. Da kann auch geschehen, dass ich so ganz in der Zeit bin, so ganz präsent bin. In meiner Jugend konnte ich so völlig hingegeben sein beim Federballspiel in unserem Garten oder auch beim Tischtennis. Manche erleben das ja auch beim Joggen. Ganz im Laufen drin sein. Eins sein mit dem Körper, mit der Natur. Joggen ist aber nicht so das Meine. Eher dann schon schwimmen. Ich erinnere mich an eine Nacht am Plattensee in Ungarn. Der warme, weite dunkle See, die laue Nachtluft, kaum unterscheidbar. Und dann über mir die Sterne. Ein Empfinden des Einsseins mit allem. 

Und natürlich im Augenblick der Liebe. Da steht die Zeit still. Da ist sie ganz voll. Da gibt es keine Distanz mehr und kein Schauen auf den nächsten Termin. Kein Schauen auf die Uhr. Höchstens die Angst, dass dieses Glück so bald wieder vorüber sein wird. Das ist dann wirklich die Fülle der Zeit. Der Augenblick der Erfüllung. Ganz und gar da sein mit allem, was ich bin und ganz beim anderen sein, beim Geliebten, bei der Geliebten sein. Aber genauso die Eltern mit ihren Kindern und die Kinder mit ihren Eltern. Vielleicht gerade jetzt zu Weihnachten. Fülle der Zeit für die Kinder, die Wünsche erfüllt zu sehen und zu erfahren, wie geliebt sie sind. Und für die Eltern an den strahlenden Augen der Kinder zu erleben, wie sehr glücklich es macht, jemanden glücklich zu machen. Fülle der Zeit. Zeit ohne Zeit. Erfüllte Zeit. Zeit ohne Uhr. 

Gern habe ich meinen Studenten gesagt: dem lieben Gott geht’s wie uns – er hat keine Zeit. Natürlich doch nicht wie wir, denn Gott hat keinen Mangel an Zeit, wie wir so oft. Gott hat keine Zeit, weil er über der Zeit ist. Weil er zeitlos ist. Die Ewigkeit Gottes ist nicht unendlich lange Zeit, nein, es ist gar keine Zeit, außerhalb der Zeit. Für uns nicht vorstellbar. Wir können uns Dinge immer nur räumlich und zeitlich vorstellen. Wir können Zeitlosigkeit nur abstrakt denken, aber nicht vorstellen. Gerade weil Gott nicht in der Zeit ist, ist er jeder Zeit gegenwärtig. Oder umgekehrt ist ihm alle Zeit präsent.  

Nun stimmt das alles aber nicht mehr, denn seit Weihnachten, seit der Menschwerdung Gottes hat nun auch Gott Zeit. Zeit für uns. Und das ist der Moment der Fülle der Zeit. Und alle oben genannten Erfahrungen helfen uns zu verstehen, was die Bibel uns sagen will, wenn sie von der Fülle der Zeit spricht (vgl. Gal 4,4). Es ist der Augenblick der Liebe Gottes zu uns. Oder der Höhepunkt seiner Liebe. Der Moment, in dem seine Liebe so groß wird, dass er sich ganz und gar in uns hineinversetzt. Der Moment, wo er ganz und gar bei uns sein will. Bei uns in unserer Zeit, in unserer Welt, in unserem Leben. Es ist der Augenblick, in dem der Gott, der keine Zeit hat, anfängt, für uns Zeit zu haben. Darf man so weit gehen zu sagen, dass Gott da das Glück erfährt, das alle erfahren, die andere glücklich machen? Ich denke, das darf man so denken. 

Dieser Moment, da Gottes Liebe zu uns ihren Höhepunkt erreicht, ist auch der Moment, wo wir von der Sklaverei der Uhr und des Zuwenig an Zeit oder der Lähmung der Langeweile erlöst werden. Wir können es lernen, wie Gott selbst ganz im Augenblick, ganz im Jetzt da zu sein. Fülle der Zeit zu leben:

„Mein sind die Jahre nicht, die mir die Zeit genommen.
Mein sind die Jahre nicht, die etwa mögen kommen.
Der Augenblick ist mein und nehm ich den in Acht,
bin ich bei dem, der Zeit und Ewigkeit gemacht."

Andreas Gryphius 


Gottes Segen und Geleit durch die Zeit des Neuen Jahres wünscht Ihnen

(30.12.2009)