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Johannes hat im dritten Kapitel seines Evangeliums das Leben aus dem Glauben mit einer Neugeburt verglichen. Kann man noch einmal neu geboren werden? Ja, man muss es sogar. Und das ist erst einmal ziemlich schrecklich und dann erst wunderbar.

Joh 3,1 Es war ein Pharisäer namens Nikodemus, ein führender Mann unter den Juden.

2 Der suchte Jesus bei Nacht auf und sagte zu ihm: Rabbi, wir wissen, du bist ein Lehrer, der von Gott gekommen ist; denn niemand kann die Zeichen tun, die du tust, wenn nicht Gott mit ihm ist.

3 Jesus antwortete ihm: Amen, amen, ich sage dir: Wenn jemand nicht von neuem geboren wird, kann er das Reich Gottes nicht sehen.

4 Nikodemus entgegnete ihm: Wie kann ein Mensch, der schon alt ist, geboren werden? Er kann doch nicht in den Schoß seiner Mutter zurückkehren und ein zweites Mal geboren werden.

5 Jesus antwortete: Amen, amen, ich sage dir: Wenn jemand nicht aus Wasser und Geist geboren wird, kann er nicht in das Reich Gottes kommen.

6 Was aus dem Fleisch geboren ist, das ist Fleisch; was aber aus dem Geist geboren ist, das ist Geist.

7 Wundere dich nicht, dass ich dir sagte: Ihr müsst von neuem geboren werden.

8 Der Wind weht, wo er will; du hörst sein Brausen, weißt aber nicht, woher er kommt und wohin er geht. So ist es mit jedem, der aus dem Geist geboren ist.

(c) Stephane TOUGARD - Fotolia.com


In einem anderen Land

Parla Italiano? Un poco, molto poco. Sprechen Sie Italienisch? Ein bisschen, ein ganz kleines bisschen. Zurzeit bin ich im schönen Italien und versuche, Italienisch zu lernen. Ich wohne in der uralten Universitätsstadt Padua in einem Studienhaus mit alten Theologieprofessoren und jungen Theologiestudenten. Und ich darf nur Italienisch sprechen. Und alle sollen nur Italienisch mit mir reden. Hart, aber hilfreich. Zum Glück halten sich nicht immer alle daran. Ich auch nicht. Aber wir versuchen es.
 
Meine Hauptbeschäftigung ist also (nach dem Wort von Lenin) lernen, lernen, nochmals lernen. Für einen alten Kopf wie meinen gar nicht leicht. Ich merke mir Worte viel langsamer. Immerzu muss ich wiederholen. Und bitten: Ripètere, per favore. Bitte, wiederholen. E ancora, und noch einmal.
 
Meine Haupterfahrung: Ich kann immer nur mal einzelne Worte verstehen und vor allem kann ich nicht sagen, was ich möchte. Ich bin in gewisser Weise nahezu taub und stumm. Das ist eine sehr demütigende Erfahrung. Ich werde wieder wie ein Kind, come uno bambino. Oder wie ein taubstummer Mensch. Von vielem bin ich ausgeschlossen. Wenn alle am Tisch lachen, kann ich nur höflich lächeln und so tun, als ob ich verstanden hätte. Das ist schwer zu akzeptieren. Und ein heftiges Mittel, das Lernen zu verstärken. Ich möchte doch wirklich dazu gehören. Und alle geben sich wirklich große Mühe, dass das gelingt. Dafür bin ich sehr dankbar.
 
In einer solchen Situation verliere ich auch meine Souveränität und meinen Abstand. Ich kann nicht „cool“ bleiben. Meine Gefühle werden viel intensiver. Ich bin traurig, ja verzweifelt, wenn ich gar nichts verstehe und mich gar nicht verständlich machen kann. Ich bin ganz glücklich und froh, wenn etwas gelingt und ich sogar mal einen kompletten Satz rausbekomme, der fast keinen Fehler hat.
 
In vieler Hinsicht sind diese Erfahrungen denen ähnlich, die ein Anfänger im Glauben macht. Allen Ernstes! Der Glaube ist ja auch so ein anderes Land mit seiner eigenen Sprache und seiner eigenen Kultur. Und ich verstehe als Neuling auch da vieles nicht. Ich möchte ganz dazu gehören, aber es ist noch nicht so weit. Und auch da sind die Gefühle heftig: Traurigkeit und Verzweiflung, weil vieles noch nicht geht. Weil vieles rätselhaft bleibt und sich nicht selbst erschließt. Und die anderen scheinen es doch so viel leichter zu haben. Sie lachen und ich kann höchstens höflich lächeln. Aber dann auch das Glück, wenn sich etwas auftut, wenn ich etwas verstanden habe, wenn ich etwas kann. Ja, eine ganze Welt tut sich auf. Und da ist dann das Glück noch viel größer als bei einem gelungenen Satz.
 
Aber das Schwerste ist beim Glauben und beim Lernen der anderen Sprache: Ich muss das eigene vergessen und loslassen. Ich erinnere mich noch daran, als ich Englisch gelernt habe. Da wurde mir das eines Tages klar: lieber Thomas, wenn du wirklich Englisch lernen willst, wenn du darin zu Hause sein willst, musst du dein Deutsch vergessen. Du musst loslassen und dich ganz da rein werfen. Du musst ausziehen aus dem vertrauten Haus deiner Sprache, um einziehen zu können in das Haus einer anderen Sprache und dort wohnen zu können. Und davor hatte ich Angst. Große Angst. Denn ich gehe ins Unvertraute. Ich weiß, ich kann es nicht. Oder eben nur wenig. Ich muss wirklich Kind werden. Mich wieder auf einen Status einlassen, den ich längst verlassen zu haben glaubte. Denn das war meine Erfahrung: ich komme in einen Zustand, in dem ich tatsächlich dann mein Muttersprache vergesse. Aber ich bin längst noch nicht so weit, die andere Sprache wirklich zu können. Ein schrecklicher Zwischenzustand. Und so bin ich ab und zu abgehauen, weggelaufen: ab in den book store mit German books and periodicals und habe in deutschen Zeitungen und Zeitschriften geblättert.
 
Beim Glauben ist es noch viel umfassender so. Ich ändere die Fundamente meines Lebens. Das alte wird wirklich abgerissen. Ich baue nicht mehr auf mich selbst und die eigenen Kräfte. Ich bin losgezogen und lebe erst einmal aus dem Koffer. Das Neue ist noch Verheißung. Und ich weiß nicht, ob das andere Leben, das andere Lebenshaus, ob das verheißene Land wirklich besser sein wird als Ägypten, aus dem ich ausgezogen bin. Das Volk Israel hat es so erlebt. Bevor es ins verheißene Land kam, musste es vierzig Jahre durch die Wüste wandern (ich hoffe, mir geht es in vierzig Tagen besser). Wandern durch ein Land, das keine Heimat sein kann. Und auch dort gingen die Gefühle mächtig hoch und runter. Wut und Angst und Verzweiflung. Der Wunsch, wieder zurück zu kehren zu den Fleischtöpfen Ägyptens. Dann wieder Vertrauen, Trost und Glück. Sehnsucht nach der tieferen Freude. Nach dem neuen Land, der neuen Gemeinschaft. Weglaufen und doch wieder zurückkehren und weiter machen.
 
Aber jetzt geht es erst einmal wieder an mein Buch: Italiano per stranieri, Italienisch für Ausländer (für Fremde).

(06.05.2009)