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Ich erinnere mich an eine sog. „ökumenische Trauung“. Mein evangelischer Kollege hatte die Predigt und sagte mit großem lutherischen Predigtpathos:

„Mein liebes Brautpaar, als Trauspruch habe ich euch ein Wort aus dem Buch der Klaaagelieder mitgebracht…“


Ich saß daneben und dachte:

„Ach, du lieber Gott…“


Aber dann sagte er dieses schöne Wort:

„Dies will ich mir zu Herzen nehmen und darum der Hoffnung leben: Die Gnade des Herrn ist noch nicht erschöpft, sein Erbarmen ist noch nicht zu Ende; alle Morgen ist sie neu, groß ist deine Treue“ (Klgl 3,21-23)


Man kann es auch als Kanon singen:

„Die Güte des Herrn hat kein Ende, kein Ende. Sein Erbarmen höret niemals auf. Es ist neu jeden Morgen, neu jeden Morgen. Groß ist Deine Treue, o Herr! Groß ist deine Treue.“

(alte engl. Fassung: The steadfast love of the Lord never ceases, His mercies never come to an end. They are new every morning, new every morning. Great is Thy faithfulness, O Lord, great is Thy faithfulness.)
Zu hören auch hier (klick)


Und im Hebräerbrief steht folgender Satz:

13,8 Jesus Christus ist derselbe gestern, heute und in Ewigkeit.


Immer dasselbe…

Das höre ich oft: „Ach, es ist doch immer dasselbe…“ Gemeint ist, dass wir immer die gleichen Probleme haben, meist mit uns selbst und unserem Charakter oder unseren falschen Neigungen. Gemeint ist, dass unser alltägliches Leben so unterschiedslos und grau dahin rollt, ja vergeht. Dass wir uns so von Tag zu Tag schleppen und es mühselig ist, sich immer wieder aufzurichten.

Ja, das ist wohl so. Und das gehört zu unserem menschlichen Dasein. Und es geht wohl jeder/m so, dass er/sie dieses Päckchen Alltagslast täglich neu auf sich zu nehmen und durch den Tag zu tragen hat. Auch ich selbst spüre diese Last und manchmal denke ich es auch: „immer dasselbe…“

Das kann zeitweilig so mühselig werden, dass ich gar nicht mehr aufstehen will. Dass ich liegen bleiben möchte und mir die Decke über den Kopf ziehen will. Und die Last wird meist immer schwerer. Wie es einmal Erich Kästner formuliert hat:

Auch ich muss meinen Rucksack selber tragen!
Der Rucksack wächst. Der Rücken wird nicht breiter.                Zusammenfassend lässt sich etwa sagen:
Ich kam zur Welt und lebe trotzdem weiter.


Was tun gegen die Schwerkraft, gegen die Erdanziehung, gegen die Müdigkeit, die Langeweile trotz allen Betriebs? Gegen den Überdruss an sich selbst und die Lästigkeit der eigenen Laster?

Es gibt keine Lösung des Problems in dem Sinne, dass die Erdanziehung überwunden werden könnte. Sie wird sogar am Ende den Sieg über mich davon tragen und die Erde wird uns wieder haben. Wir werden in sie hinabsinken und selbst zu Erde werden. Aber es gibt wohl Wege, wie wir uns damit leichter tun. Es gilt zuerst, dieses Gesetz auch anzunehmen und ja dazu zu sagen. Denn wie der gleiche Dichter in einem schönen Aphorismus gesagt hat:           

Dem Gesetz des Falles
gehorcht auf Erden alles.


Trotzdem sollen wir nicht einfach der Schwerkraft nur nachgeben. Wir sollen uns immer wieder aufrichten. Körperlich und geistig und geistlich. Der Mensch ist ja in seinem ganzen Leibe gewissermaßen gegen die Erdanziehung aber mit dem Wissen um sie konstruiert. Und das ist etwas Erstaunliches. Es ist auch nicht nur etwas Physisches, sondern hat vielleicht direkt mit der Geistigkeit des Menschen zu tun. Wir lernen den aufrechten Gang, nachdem wir zuerst auch auf allen Vieren gekrabbelt sind. Und das Kind will sich aufrichten, will – wenn es gesund ist – unbedingt lernen auf zwei Beinen zu laufen. Und je mehr wir dem natürlichen Wuchs unseres Rückens folgen, umso weniger anstrengend ist es, aufrecht zu leben. Und das Aufrichten tun wir ja meist morgens auch ganz unbewusst. Wir strecken und recken uns. Wir sollten es bewusst tun und so ganz aufgerichtet, ohne steif oder stramm zu stehen, morgens einfach eine Minute verweilen. Ich schaue da immer meinem Jesusbild in die Augen.

Kinder stehen morgens meist ganz begeistert auf. Sie freuen sich auf den Tag. Für sie ist im Leben noch alles neu und interessant und sie wollen sich gern hineinstürzen. Sollen wir nicht werden wie die Kinder? Also das zweite, was ich tun kann, ist nicht den negativen und herabziehenden Gedanken nachzugeben und zu folgen, sondern bewusst auf etwas zu schauen, auf das ich mit heute freue, das mich in Bewegung bringt. Finde ich da noch etwas? Und sei es nur die erste Tasse belebenden Kaffees oder das Gespräch mit einem lieben Menschen.

Immer dasselbe…! Das höre ich auch oft im Beichtstuhl oder im Beichtgespräch: „Herr Pfarrer, es ist doch immer dasselbe...“ Da antworte ich meist: „Seien Sie doch lieber froh, dass es nicht immer neue Sünden sind, die Sie zu beichten haben!“ Es ist immer dasselbe mit uns, weil wir in unserer Grundveranlagung, in unseren Neigungen, Zuneigungen und Abneigungen dieselben bleiben. Und das ist ja auch gut so. Freilich werden wir unserer schlechten Neigungen über. Immer wieder wird aus der Neigung das komplette Abkippen. Das ist schwer und es ist demütigend, zugeben zu müssen, dass es wieder passiert ist… Aber unsere Veranlagungen sind uns gegeben, dass wir daran reifen und erwachsen werden. Erwachsen werden heißt, mit Spannungen leben können.  Mit der Spannung zwischen meinem Vorsatz und meinem Versagen, zwischen meinen Idealen und meiner Wirklichkeit. Das bleibt spannend. Wir sind immer in Gefahr, nach einer Seite hin auszuweichen. Die Spannung nicht mehr zu ertragen. Dann wird man entweder ein idealistischer Spinner oder ein realistischer Trauerkloß…  Gefährlich oder traurig. Also lieber damit leben, dass wir immer dieselben sind und die Spannung tragen.

Erinnern wir uns an zwei sehr tröstliche Dinge!

Wir sind zwar immer dieselben. Wir sind es aber jeden Tag neu. Schauen wir also auf das Ganze der Wirklichkeit und nicht nur den gleichbleibenden Teil. Lassen wir uns unseren Blick nicht verengen. Denn wir bleiben in unseren Grundveranlagungen zwar immer die gleichen. Wir verändern uns aber auch, und das jeden Tag. Wir werden jeden Tag älter – schrecklich. Wir werden jeden Tag erfahrener und reifer und besser – hoffentlich.

Und das noch Tröstlichere: Gott ist in seiner Liebe und Güte immer derselbe – zum Glück. Und jeden Tag neu – noch besser.

Mit herzlichem Gruß