Sie sind hier: {$rootlineLinkWrap}updateseele.de{$rootlineLinkWrap}Impuls der WocheGottes Ferne - Trostlos 3
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Der Psalm 22 ist das Zeugnis für die Gottesferne. Er ist aber in seinem zweiten Teil auch Zeugnis für den Umschwung von der Finsternis in das Licht, vom Tod in die Auferstehung. Sie und nicht die Hölle der Gottesferne hat das letzte Wort.

22,2 Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen, / bist fern meinem Schreien, den Worten meiner Klage?

3 Mein Gott, ich rufe bei Tag, doch du gibst keine Antwort; / ich rufe bei Nacht und finde doch keine Ruhe.

4 Aber du bist heilig, / du thronst über dem Lobpreis Israels.

5 Dir haben unsre Väter vertraut, / sie haben vertraut und du hast sie gerettet.

6 Zu dir riefen sie und wurden befreit, / dir vertrauten sie und wurden nicht zuschanden.

7 Ich aber bin ein Wurm und kein Mensch, / der Leute Spott, vom Volk verachtet.

8 Alle, die mich sehen, verlachen mich, / verziehen die Lippen, schütteln den Kopf:

9 «Er wälze die Last auf den Herrn, / der soll ihn befreien! Der reiße ihn heraus, / wenn er an ihm Gefallen hat.»

10 Du bist es, der mich aus dem Schoß meiner Mutter zog, / mich barg an der Brust der Mutter.

11 Von Geburt an bin ich geworfen auf dich, / vom Mutterleib an bist du mein Gott.

12 Sei mir nicht fern, denn die Not ist nahe / und niemand ist da, der hilft.

13 Viele Stiere umgeben mich, / Büffel von Baschan umringen mich.

14 Sie sperren gegen mich ihren Rachen auf, / reißende, brüllende Löwen.

15 Ich bin hingeschüttet wie Wasser, / gelöst haben sich all meine Glieder. / Mein Herz ist in meinem Leib wie Wachs zerflossen.

16 Meine Kehle ist trocken wie eine Scherbe, / die Zunge klebt mir am Gaumen, / du legst mich in den Staub des Todes.

17 Viele Hunde umlagern mich, / eine Rotte von Bösen umkreist mich. / Sie durchbohren mir Hände und Füße.

18 Man kann all meine Knochen zählen; / sie gaffen und weiden sich an mir.

19 Sie verteilen unter sich meine Kleider / und werfen das Los um mein Gewand.

20 Du aber, Herr, halte dich nicht fern! / Du, meine Stärke, eil mir zu Hilfe!

21 Entreiße mein Leben dem Schwert, / mein einziges Gut aus der Gewalt der Hunde!

22 Rette mich vor dem Rachen des Löwen, / vor den Hörnern der Büffel rette mich Armen!

23 Ich will deinen Namen meinen Brüdern verkünden, / inmitten der Gemeinde dich preisen.

24 Die ihr den Herrn fürchtet, preist ihn, / ihr alle vom Stamm Jakobs, rühmt ihn; / erschauert alle vor ihm, ihr Nachkommen Israels!

25 Denn er hat nicht verachtet, / nicht verabscheut das Elend des Armen. Er verbirgt sein Gesicht nicht vor ihm; / er hat auf sein Schreien gehört.

26 Deine Treue preise ich in großer Gemeinde; / ich erfülle meine Gelübde vor denen, die Gott fürchten.

27 Die Armen sollen essen und sich sättigen; / den Herrn sollen preisen, die ihn suchen. / Aufleben soll euer Herz für immer.

28 Alle Enden der Erde sollen daran denken / und werden umkehren zum Herrn: / Vor ihm werfen sich alle Stämme der Völker nieder.

29 Denn der Herr regiert als König; / er herrscht über die Völker.

30 Vor ihm allein sollen niederfallen die Mächtigen der Erde, / vor ihm sich alle niederwerfen, die in der Erde ruhen. [Meine Seele, sie lebt für ihn; /

31 mein Stamm wird ihm dienen.] Vom Herrn wird man dem künftigen Geschlecht erzählen, /

32 seine Heilstat verkündet man dem kommenden Volk; / denn er hat das Werk getan.

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Gottesferne - Trostlos 3

In seinem Buch „Einführung ins Christentum“ schreibt Josef Ratzinger (heute Papst Benedikt XVI.) im Jahr 1968, dass „der Gläubige … stets vom Absturz ins Nichts bedroht“ (22) ist. Sein Glaube ist nicht einfach sicher und fest, sondern ist eher der Fahrt auf dem Schiff ähnlich, das von Wind und Wellen bedroht auf dem Meer der Chaos- und Todesmächte dahin treibt, oft leckgeschlagen und steuerlos. Die Mannschaft angstvoll und ungewiss. Ja, der Gläubige gleicht gar dem Schiffbrüchigen, der nur noch an einem Balken festgebunden auf dem Ozean des Nichts schwimmt.

Zum Glück ist das nicht nur so. Und schon gar nicht am Anfang des Glaubensweges. Wir erleben Zeiten des Glücks und der Freude, der Sicherheit und Geborgenheit, des Friedens und des Lichtes, in dem alles sich klärt. Aber es gibt eben auch solche abgründigen Erfahrungen. Und die nicht nur aus eigener Schwäche und Schuld (vgl. Impuls Trostlos 1), nicht nur als Weg der Reifung und Klärung meiner Motive (Impuls Trostlos 2), nein, darüber hinaus eine Trostlosigkeit und Gottesferne, die noch weiter gehen.

In ihr nimmt der Gläubige gewissermaßen am Unglauben des Ungläubigen teil. An seiner Gottesfinsternis und Gottesferne. Ich erinnere mich an einen Tag, während meiner dreißigtägigen Exerzitien im Noviziat, da tat sich mir auch plötzlich das Nichts auf. Es war nicht so sehr bedrohlich und ängstigend, nein, es war nur plötzlich der Glaube weg. Einfach weg. Ich fühlte gar nichts mehr. Die Beziehung zu Gott war verschwunden. Kein Draht mehr. Verbindung abgebrochen. Funkstille. Aber das war auch nicht so, als wäre da ein Loch. Nein, der Himmel war einfach so wie immer. Aber nichts mehr darüber oder nichts mehr darin als die Luft und dann der Weltraum. Und auch im Herzen. Nichts fehlt. Es schlägt weiter. Aber keine Stelle mehr, wo Gott gewohnt hat. Nur noch die Erinnerung – ja, da war mal was. Aber was eigentlich?

Ich fühlte mich ganz in mir geschlossen. Rund und gesund. Ohne das alles, was vorher meine Tage bestimmt hat. Ich saß auf der Bank im Park und da war nichts mehr. Ich konnte es nicht fassen. Wie es einem Paar in einem Gedicht von Erich Kästner ergeht: Die Liebe ist einfach abhanden gekommen. Sie sitzen im Café und können es einfach nicht fassen.

Sachliche Romanze

Als sie einander acht Jahre kannten

(und man darf sagen: sie kannten sich gut),

kam ihre Liebe plötzlich abhanden.

Wie andern Leuten ein Stock oder Hut.
 

Sie waren traurig, betrugen sich heiter,

versuchten Küsse, als ob nichts sei,

und sahen sich an und wussten nicht weiter.

Da weinte sie schließlich. Und er stand dabei.
 

Vom Fenster aus konnte man Schiffen winken.

Er sagte, es wäre schon Viertel nach vier

Und Zeit, irgendwo Kaffee zu trinken.

Nebenan übte ein Mensch Klavier.
 

Sie gingen ins kleinste Café am Ort

und rührten in ihren Tassen.

Am Abend saßen sie immer noch dort.

Sie saßen allein, und sie sprachen kein Wort

und konnten es einfach nicht fassen.

 

Bei Ratzinger hat der Gottesverlust etwas Dramatisches, ähnlich wie beim Philosophen Friedrich Nietzsche: Gott ist tot. Und damit ist die Mitte verschwunden, die bisher alles zusammen hielt. Alles strebt und fliegt nun auseinander, hinein ins kalte Nichts. Ein unübersehbarer und überall spürbarer Verlust.

Bei dem Verlust, wie ich ihn erlebte, war es nicht so. Es war eher wie bei dem Ehepaar. Die Liebe ist einfach weg. Aber sonst ist alles wie vorher. Die beiden mögen sich weiterhin. Das Leben geht weiter. Es ist eben nur die Liebe weg. Traurig, rätselhaft, aber nicht tödlich. Es greift nicht in den Alltag ein. Es ist alles eben nur grauer geworden.

Gottesferne und Gottesverlust können ganz unterschiedlich erlebt werden. Sie können auch ganz unterschiedlich lange dauern. Bei mir war es damals ein Tag. Dann später einmal viel dramatischer, bedrohlicher und schlimmer mehrere Wochen lang. Es gibt tief gläubige Menschen, bei denen es lange, jahrelang dauert.

In der spirituellen Tradition wird das die dunkle Nacht genannt. Der Ausdruck stammt von dem Karmeliter Johannes vom Kreuz (1542 – 1591). Er erlitt diese Nacht, als er von den eigenen Ordensbrüdern gefangen gesetzt und täglich gequält wurde. Theresia von Lisieux (1873 – 1897) erfuhr sie als junge Ordensfrau und hat sie schon selbst als Erleben des Atheismus ihrer Zeit verstanden. Mutter Theresa von Kalkutta 1910 – 1997) hat über lange Jahre bis zu ihrem Tod in dieser Finsternis gelebt.

Es bedeutet nicht, dass sie ungläubig geworden sind. Es bedeutet nur, dass Gott nicht mehr spürbar ist. Seine Nähe nicht mehr fühlbar. Es ist Trostlosigkeit. Es ist in der Erfahrung eine schreckliche Gottesferne. Aber das bedeutet nicht, dass Gott mich wirklich verlassen hat. Nein, er trägt mich weiter. Liebt mich weiter. Führt mich weiter. Schenkt mir seine Gnade weiter. Aber alles das spüre ich nicht mehr. Keine Süße der Nähe. Keine jubelnde Freude mehr. Doch im Glauben, der nun blind und gefühllos geworden ist, weiß ich, dass er mich hält und trägt. Er gibt mir auch die Kraft, in einer solchen Situation stand zu halten.

Es ist diese Form der Trostlosigkeit und Gottverlassenheit ein Hineingezogenwerden nicht nur in die Solidarität mit den vielen, vielen Menschen, die nicht glauben können. Es ist das auch ein Hineingezogenwerden in die Kreuzeserfahrung Jesu: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen…“ Jesus nimmt ebenfalls diese Erfahrung der Gottesferne auf sich. Nicht nur das physische Sterben, sondern auch das spirituelle, geistliche Sterben, den spirituellen Tod, die Hölle erfährt er.

Er tut das aber eben nicht als Atheist, als Ungläubiger, nein, er erfährt das und erleidet es als Glaubender, als innigst Gott Verbundener, als Sohn Gottes. Angesichts der völligen Finsternis und der totalen Verlassenheit, gibt er nicht auf, an Gott festzuhalten. Er stellt eben nicht einfach nur fest, dass ihn Gott verlassen hat, sondern er spricht es aus als Gebet, als Anrede an Gott. Er sagt nicht: „Gott hat mich verlassen. Gott gibt es nicht mehr.“ Sondern er sagt es paradoxerweise zu Gott hin: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen…“ Festgenagelt am Balken des Kreuzes, dem Nichts ausgesetzt, betet Jesus zu seinem Vater.
 
Jesus hält so von seiner Seite am Glauben, am Vertrauen auf Gott fest. Er hält die Verbindung aufrecht. So gibt es mitten in der Hölle die Gegenwart von Glauben, von Hoffnung, von Liebe. Mitten in der Gottesleere gibt es Gottes Sohn. Da wird sein Glaube tiefer als das Nichts, da wird seine Hoffnung zur Hoffnung wider alle Hoffnung, da wird seine Liebe stärker als der Tod. Da wird seine Hölle uns zur Rettung.

Und in diese Erfahrung der völligen Gottesferne nimmt Jesus einige Menschen mit hinein.

11.03.2009