Sie sind hier: {$rootlineLinkWrap}updateseele.de{$rootlineLinkWrap}Impuls der WocheGlück der Selbstvergessenheit
DeutschEnglishFrancais

Im achten Kapitel des Buches der Sprichwörter ist von der Weisheit Gottes die Rede.

Diese Weisheit wird geschildert als das Kind Gottes, das bei allem dabei ist, was Gott tut. Die Weisheit Gottes kann man auch als den Logos, das Wort, das Verstehen oder das Wissen Gottes verstehen (vgl. Joh 1,1-14). Dass diese Welt logisch ist, dass wir sie auch verstehen können, das hängt damit zusammen, dass auch wir an der Weisheit, an dem Logos Gottes teilhaben und dass die ganze Welt in diesem Logos, diesem Wort Gottes geschaffen ist. Darum können wir sie verstehen und ist sie für uns auch logisch.


(c) JEAN FRANCOIS PERBOIRE - Fotolia.com


8,22
Der Herr hat mich [die Weisheit] geschaffen im Anfang seiner Wege, / vor seinen Werken in der Urzeit;

23
in frühester Zeit wurde ich gebildet, / am Anfang, beim Ursprung der Erde.

24
Als die Urmeere noch nicht waren, / wurde ich geboren, / als es die Quellen noch nicht gab, die wasserreichen.

25
Ehe die Berge eingesenkt wurden, / vor den Hügeln wurde ich geboren.

26
Noch hatte er die Erde nicht gemacht und die Fluren / und alle Schollen des Festlands.

27
Als er den Himmel baute, war ich dabei, / als er den Erdkreis abmaß über den Wassern,

28
als er droben die Wolken befestigte / und Quellen strömen ließ aus dem Urmeer,

29
als er dem Meer seine Satzung gab / und die Wasser nicht seinen Befehl übertreten durften,

30
als er die Fundamente der Erde abmaß, / da war ich als geliebtes Kind bei ihm. Ich war seine Freude Tag für Tag / und spielte vor ihm allezeit.

31
Ich spielte auf seinem Erdenrund / und meine Freude war es, bei den Menschen zu sein.

(c) Joe Desjardins - Fotolia.com


Glück der Selbstvergessenheit

Ein Kind ist in seinem Spiel oft ganz versunken. Es ist ganz und gar eins, mit dem, was es gerade tut. Es baut eine Burg. Es füttert seine Puppe. Zwei Geschwister spielen Mama und Papa. Es gibt ein altes Foto von mir, wie ich als Kind bei einem Kasperletheaterstück zuschaue. Ich bin ganz hin und weg, vergesse alles und bin völlig im Spiel zwischen Kasper und dem bösen Räuber dabei, lache, schreie, gestikuliere, trample mit den Füßen. Das kann man so nicht auf dem Foto sehen, aber wie ich ganz und gar mitgehe, das sieht man schon. Glück der Selbstvergessenheit. Können Sie sich noch an solche Erlebnisse erinnern?

Auch später konnte ich so ganz wegtreten, wenn ich gemalt oder geschnitzt habe. Raum und Zeit waren vergessen. Ganz und gar bei der Sache. Mitten im Tun. Oder auch wenn ich Karl May gelesen habe und in die Welt von Old Shatterhand und Winnetou eingetreten bin. Heute ist das bei vielen vielleicht Harry Potter und die Welt von Hogwarts. Sogar noch später konnte es mir so gehen mit Hermann Hesse oder gar Thomas Mann. Ich war in Gefahr, selbst im „Zauberberg“ zu verschwinden. Große Dichter nehmen einen gefangen. Wie habe ich mich gefreut, ein solches Buch zu lesen. Heute Abend kann ich wieder abtauchen. Glück der Selbstvergessenheit.

Das kann einem auch geschehen bei einem studentischen Skatabend. Der Abend wird zur Nacht und hört erst am Morgen auf. Der Tag ist dann oft nicht mehr so schön. Aber beim Spiel selbst auch dieses Glück. Computerspiele können einen auch so gefangen nehmen. Sie sind so konstruiert, dass man immer das nächste Level erreichen will. Aber es kann einem auch passieren, wenn man im Garten arbeitet oder wenn man einen Job tut, der Spaß macht und angemessen ist. Der mich fordert, aber nicht überfordert. Der mir so richtig gut von der Hand geht. Dann kann ich so froh wie die Müllmänner sein, wie Reinhard Mey mal gesungen hat. Und natürlich das Gespräch mit dem geliebten Menschen. Die Zeit verfliegt. Wir merken es gar nicht.

Ich denke, jede/r weiß nun, was ich meine. Und ich hoffe, jede/r kennt solche Erfahrungen der Selbstvergessenheit. Es ist eine sehr schöne Form von Glück. Vielleicht die menschlichste. Man nennt sie heute „flow“, auch bei Glücksdoktor von Hirschhausen. Weil „es fließt“. Weil es so eine Art des Überfließens, des Hin- und Herfließens zwischen mir und meinem Tun gibt.

Helmuth Plessner, ein bekannter Anthropologe, hat dieses Phänomen anders bezeichnet und er gibt uns eine gute Möglichkeit, uns selbst und unser Glück und Unglück besser zu verstehen. Plessner sagt - was jede/r selbst schon weiß und was eben beschrieben wurde - wir sind in der Lage, uns in jemand anderen hineinzuversetzen, oder ganz bei der Sache zu sein und uns selbst dabei zu vergessen. Das kann so nur der Mensch. Wir können ganz aus uns selbst herausgehen. Wir können unser Zentrum verlassen. Wir können uns selbst ganz verlassen. Ich kann mich ganz auf den anderen verlassen (Das hat eine doppelte Bedeutung. Beide meine ich hier: herausgehen aus mir selbst einerseits und ganz und gar vertrauen andererseits). Diese Fähigkeit bezeichnet Plessner als die Ex-Zentrität des Menschen. Ich habe ein Zentrum. Und ich kann es verlassen. Ich kann heraus (ex) gehen. Ich kann mich in den anderen Menschen versetzen. Oder auch ganz bei der Sache sein. Oder – und das habe ich noch nicht gesagt – ich kann mir selbst zuschauen. Mich selbst kontrollieren. Quasi von außen auf meine eigene Mitte, mein eigenes Zentrum schauen. Ich kann reflektieren. Mich –  wörtlich – auf mich selbst zurückbeugen. All das sind typisch menschliche, ja allein dem Menschen eigene Fähigkeiten.

Mit dem Tier haben wir gemeinsam, dass wir ein Zentrum, eine Mitte haben und daraus handeln. Diese zentrische Form des Handelns und Denkens kennen wir auch. Wir betrachten die Welt danach, was sie für mich (und nicht an sich) bedeutet. Also ob das andere Wesen gefährlich ist oder zum Fressen oder zum Liebhaben. Ob ich also besser fliehe oder angreife oder Sex mache. Dieses zentrische Denken, das fragt immer: Was habe ich davon? Was bringt mir das? Eine Frage, die wir alle gut kennen. Wir haben sie mit unseren tierischen Lebensgefährten gemeinsam. Wer aber immer nur so (tierisch) lebt und handelt, der wird nicht froh. Warum? Er bleibt unter seinen menschlichen Möglichkeiten. Er tut nicht, wozu er auch fähig wäre, nämlich zu fragen: wie denkt und fühlt der andere. Was ist sachgerecht? Was ist persongerecht? Wie kann ich meine Fähigkeiten zum Nutzen, zur Freude, zur Hilfe anderer einsetzen?

Unsere Welt wird nur überleben und nur dann eine Zukunft haben, wenn wir nicht nur ego-zentrisch leben, sondern auch ex-zentrisch. Wenn wir den anderen verstehen wollen. Wenn wir sachgemäß handeln. Wenn wir aus uns herausgehen. Wenn wir uns verlassen. Wenn wir uns in die Not der anderen hineinversetzen. Wenn wir mitdenken und mitfühlen.

Natürlich können wir Menschen als ex-zentrische Wesen sogar über diese Welt hinausgehen und sogar Gott verstehen – oder besser: wir können verstehen, dass Gott nicht so zu verstehen ist, wie mein Computer oder wie die Relativitätstheorie, sondern ganz anders ist. Und dann erschließt sich noch mal eine ganz neue, ungeahnte Welt des Glücks, des flow, der Ex-Zentrität oder der Transzendenz oder des Außer-sich-Seins, nämlich das Ganz-bei-Gott-Sein. Und dann vergesse ich mich selbst und bin zugleich ganz bei mir, bin ganz und gar ganz oder heil oder glücklich. Glück der Selbstvergessenheit. Und wir dürfen darauf schauen, dass Gott selbst auch so „ex-zentrisch“ ist, dass es Sein Glück und Freude ist, bei uns Menschen zu sein. Auch Gott geht so ganz aus sich heraus. So sehr, dass er sich ganz und gar in uns hineinversetzt und Mensch wird.

(08.09.2009)

Es grüßt Sie herzlich