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Der Geist weht, wo er will. Du hörst sein Brausen, aber du weißt nicht, woher er kommt und wohin er geht

Aus dem 20. Kapitel des Johannesevangeliums

20:19 Am Abend dieses ersten Tages der Woche, als die Jünger aus Furcht vor den Juden die Türen verschlossen hatten, kam Jesus, trat in ihre Mitte und sagte zu ihnen: Friede sei mit euch!

20:20 Nach diesen Worten zeigte er ihnen seine Hände und seine Seite. Da freuten sich die Jünger, dass sie den Herrn sahen. 

20:21 Jesus sagte noch einmal zu ihnen: Friede sei mit euch! Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch.

20:22 Nachdem er das gesagt hatte, hauchte er sie an und sprach zu ihnen:
Empfangt den Heiligen Geist! 

20:23 Wem ihr die Sünden vergebt, dem sind sie vergeben; wem ihr die Vergebung verweigert, dem ist sie verweigert.

(c) Yurok Aleksandrovich - Fotolia.com

Erfahrung des Geistes II: Freiheit und Fleischwerdung 

Die zweite Erfahrung des Geistes lässt sich als Freiheit und Befreiung beschreiben. So habe ich immer Gottes Geist erfahren als eine Befreiung aus Enge und Angst. Als ein neues zu sich selbst Kommen. Als ein Entbundenwerden von Fesseln. Als neu erwachende Kreativität, als Schöpfergeist. Das hat damit zu tun, dass der Geist Gottes als Angenommensein und Liebe, als Heilung und Errettung, als Erlösung erfahren wird. Immer wenn ich mich angenommen und bejaht fühle, dann entbindet das Kräfte in mir, löst und erlöst mich das. Dann werde ich ganz neu phantasievoll, beweglich, schöpferisch. Wo dieses Angenommen- und Geliebtsein fehlt, da gehe ich ein wie eine Primel, da bleibe ich ein Mauerblümchen. Aber wo ich endlich ich sein darf und wo die anderen mich akzeptieren, wo sie sich über mein Dasein freuen, ja sogar gerade mich und meinen Einsatz wollen, da gehe ich dann endlich aus mir heraus.

Bei Johannes wird dieser österliche Empfang des Geistes genau so beschrieben: Die Jünger sitzen bei verriegelten Türen und mit verschlossenen Seelen beisammen. Sie sind gelähmt durch Angst, weil ihnen das Gleiche Schicksal droht wie Jesus. Sie sind gelähmt durch Schuld, weil sie ihren Herrn verraten haben und geflohen sind. Sie sind voller Trauer, weil alle ihre Hoffnung gestorben ist. Sie sind ganz und gar unfrei.

Da tritt überraschend Christus in ihre Mitte und bringt den Frieden und die Vergebung. Große Freude bricht auf bei den Jüngern. Frieden und Freude sind die ersten Wirkungen der Begegnung mit dem Auferstandenen. Dann haucht Jesus ihnen neuen Lebensgeist ein, so wie einst Gott im Garten Eden dem Adam Lebensatem in die Nase geblasen und so aus einem Erdenkloß zu einem lebenden Wesen gemacht hat. Auf eben diese Weise belebt und beatmet Jesus seine Jünger mit Gottes Heiligem Geist. Er macht sie fähig, den Frieden, das Angenommensein, die Freude, die Vergebung, die Befreiung und die Freiheit, die sie selbst erfahren, anderen weiter zu geben.

Wo ich all das erlebe, da bin ich, vielleicht ohne mir dessen bewusst zu sein, Gottes lebenspendendem Geist begegnet. Er führt zu Begeisterung und Enthusiasmus. Zum Brausen und Stürmen des Geistes. "Der Geist weht, wo er will. Du hörst sein Brausen, aber du weißt nicht, woher er kommt und wohin er geht" (Joh 3,8). Es hat immer wieder Zeiten und Gruppen dieses Enthusiasmus und dieser Freiheit gegeben, die ihre Epoche umgekrempelt haben. Ich habe es als ein ganz großes Geschenk erfahren, dass in der DDR-Zeit die Kirche immer ein Ort der Freiheit war. Freier und offener als die sie umgebende „sozialistische“ Gesellschaft. Deren Kennzeichen waren sehr oft die Angst, das Misstrauen und die Trauer. Ihre Wurzel war die Unfreiheit.

Diese große enthusiastische Freiheit und Befreiung, die ins Weite, in die Offenheit führen, brauchen ein Gegengewicht, um nicht zu entschweben, um nicht völlig unrealistisch zu werden. Denn ihre Gefahr ist das Umkippen der Freiheit in die völlige Libertinage, in die Beliebigkeit. Ihre Gefahr ist, wie es einmal Kardinal Bengsch gesagt hat, den eigenen Vogel mit der Taube des Heiligen Geistes zu verwechseln.

Das Gegengewicht ist die Bindung. Ist die Konkretheit. Geist muss Fleisch werden und er will das auch, wenn es Gottes Geist ist. Die Inspiration muss zur Inkarnation werden. Oder noch mal anders gesagt: Gottes Geist neigt sich zur Erde nieder. Er macht Karriere nicht nach oben sondern nach unten. Er geht zu denen, die ganz unten sind. Die ganz am Rande stehen. Er wendet sich den Armen und Obdachlosen, den Flüchtlingen und Gefangenen zu. Dazu befähigt die Freiheit des Geistes Gottes. Es ist für mich eine Grundfrage des geistlichen Lebens und der geistlichen Begleitung: Nicht entschweben und verallgemeinern, sondern erden und konkretisieren. Oder anders gesagt: Welches ist der nächste, mir mögliche, konkrete Schritt? Was folgt aus der Befreiung und der Freiheit? Was ist jetzt dran? Zu was oder wem muss ich mich auftun oder entschließen. Das erst macht die Befreiung und die Freiheit wirkungsvoll.

Das soll darum auch nun die Frage an mich sein: Wo bin ich dieser Freiheit und dieser Befreiung begegnet? Was ist für mich konkret daraus geworden?

16.09.2008