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Viele Worte in der Bibel sprechen vom „heiligen Rest“. Außer diesem Wort von Jesaja, kann man schöne Texte lesen beim Propheten Micha 4,1-11 und bei Paulus im 11. Kapitel des Römerbriefes.

Jes 10,33 Seht, Gott, der Herr der Heere, / schlägt mit schrecklicher Gewalt die Zweige ab. Die mächtigen Bäume werden gefällt / und alles, was hoch ist, wird niedrig.

34 Das Dickicht des Waldes wird mit dem Eisen gerodet, / der Libanon fällt durch die Hand eines Mächtigen.

11,1 Doch aus dem Baumstumpf Isais wächst ein Reis hervor, / ein junger Trieb aus seinen Wurzeln bringt Frucht.

2 Der Geist des Herrn lässt sich nieder auf ihm: / der Geist der Weisheit und der Einsicht, der Geist des Rates und der Stärke, / der Geist der Erkenntnis und der Gottesfurcht.

10 An jenem Tag wird es der Spross aus der Wurzel Isais sein, / der dasteht als Zeichen für die Nationen; die Völker suchen ihn auf; / sein Wohnsitz ist prächtig.

11 An jenem Tag wird der Herr seine Hand von neuem erheben, / um den übrig gebliebenen Rest seines Volkes zurückzugewinnen, von Assur und Ägypten, von Patros und Kusch, / von Elam, Schinar und Hamat / und von den Inseln des Meeres.

(c) Thomas Gertler


Der letzte Rest

„Der letzte Rest ist immer das Schlimmste“, so sagte mir einer meiner Brüder in der Schlussphase meines Umzugs von Frankfurt nach Augsburg. „Wie wahr!“, erwiderte ich mitten in der Erfahrung dieses letzten Restes. Ja, dieser letzte Rest macht einen richtig fertig. So jedenfalls bei mir. Vor allem zwei Dinge machen es mir so schwer.

Zum einen das Problem des „wohin damit?“ Der letzte Kram ist ja der, mit dem ich auch vorher schon nicht wusste wohin damit. Zu schade zum Wegschmeißen. Zum Mitnehmen aber auch nicht wichtig genug. Eigentlich möchte ich mich davon trennen. Ein Geschenk, das ich mal bekommen habe und seit dem da rumsteht. Zwar eine liebe Erinnerung und doch nicht so bedeutend, dass es unbedingt bewahrt werden muss. Oder dieses Buch, das ich immer schon mal lesen wollte, dann aber doch nie gelesen habe. Dieser Stapel von Ansichtskarten aus aller Welt. Schön, aber … Musikkassetten, die ich nie mehr gehört habe, seit ich zum CD-Player übergegangen bin. All die Sachen, die entweder im Keller oder auf dem Boden landen. Jeder kennt das. Und jeder stöhnt darüber, wenn er den Keller oder das Dachstübchen aufräumen soll. Oder nur daran denkt. Voll mit lauter solchen Sachen. Oft schon von den Eltern oder den Kindern beim Auszug da gelassen für später…

Zum anderen das Problem der Endgültigkeit. Das zeichnet sich hinter der Frage nach dem wohin schon ab. Die Frage nach dem „Bleiben“, nach der Dauer. Die Unsicherheit des „wohin damit?“ wird gelöst durch Aufschieben und Wegschieben. Leichter ist: weggehen und dalassen. Angst vor der Endgültigkeit, dem für immer des Loslassens, des Abschieds. Angst vor dem leeren Raum, vor dem Nichts, dem Tod. Besser in den Keller oder auf den Boden tun als endgültig loslassen, trennen, aufgeben, sein lassen.

Das ist oft so schlimm, dass ich sogar körperlich ganz schwach werde. Mit fällt es tatsächlich schwer, noch weiter zu machen. Ich bin dann ganz müde und erschöpft. Es sitzt also sehr tief und ist gar nicht leicht zu besiegen. Vielleicht - so kommt mir gerade ein - ist auch noch ein anderer Faktor wirksam, nämlich nicht nur das Verschwinden der Dinge und das radikale Schlussmachen, sondern damit auch mein eigenes Verschwinden, mein eigenes Sterben, nicht nur das Sterben der Dinge und der damit verbundenen Erinnerungen und Beziehungen. Denn so ein leer geräumtes Zimmer hat ja dann gar keine eigene Prägung mehr. So wie ein Hotelzimmer. Es ist das Zimmer für jedermann. Das Zimmer des Jedermann und der Jederfrau, aber nicht mehr meins.

So ein Rest von mir soll doch bleiben. Das ist vielleicht der Grund, warum ich mich mit dem letzten Rest so schwer tue. Ich wünsche mir mit dem sterbenden Faust: „Es kann die Spur von meinen Erdentagen nicht in Äonen untergehen…“ (Goethe, Faust II. Äonen sind die Zeitalter oder die Ewigkeiten. Goethe hatte übrigens panische Angst vor dem Tod) Darum also meine Angst vor dem „letzten Rest“.

Mir als Theologen fällt zum Thema „der letzte Rest“ noch was ganz anderes ein. Es gibt in der Bibel den „heiligen Rest“. Das ist der letzte Rest, der vom Volk Gottes noch übrig geblieben ist nach der Eroberung des Landes und der Wegführung in die Verbannung. Dieser letzte Rest ist wie der Baumstumpf. Das letzte Zeichen, dass hier mal ein Baum stand. Mit Stumpf und Stil wird meist nicht ausgerottet. Denn so ein Baumstumpf ist sehr widerständig. So wie der letzte Rest in meinem Zimmer. Der letzte Rest seines Volkes ist auch Gott heilig. Er ist ihm ein heiliger Rest. Und daraus wird wieder Neues entstehen. Aus dem Baumstamm wird ein neuer Reis aufbrechen. Der letzte Rest wird sich bekehren und auch so heilig werden und zum Anfang eines neuen Volkes. Nicht der Tod hat das letzte Wort, sondern das Leben. „Es wird die Spur von meinen Erdentagen nicht in Äonen untergehen.“ Nicht weil meine Tat, mein Wort, meine Leistung, meine Dinge übrig bleiben und überleben, sondern weil unserem Gott unser Leben heilig ist, weil er unser Leben erhält durch alles Loslassen und Sterben hindurch.
 
So muss ich jetzt nicht Angst haben vor dem letzten Rest, sondern darf Hoffnung haben. Gott ist derjenige, der bewahrt und aufhebt. Bei ihm geht nichts verloren. Er lässt uns sterben, aber er lässt uns auch auferstehen. Er nimmt uns alles, um uns ein Vielfaches zu geben, nicht nur neues Leben, sondern sich selbst. Darauf gehen wir zu. Als einzelne, aber auch als Gemeinschaft, als Kirche, die sich auch oft fühlt wie der letzte Rest.

24.03.2009