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Hanns Dieter Hüsch (1925 – 2005) war so jemand der die metaphysische Tiefe des Daseins mitten im Alltäglichen auf humorvolle Weise auszudrücken vermochte. Wissen Sie, dass er auch ein frommer Mann war? Den folgenden Psalm hat er gedichtet.

(c) Christian Wode

Ich bin vergnügt, erlöst, befreit.
Gott nahm in seine Hände meine Zeit,
mein Fühlen, Denken, Hören, Sagen,
mein Triumphieren und Verzagen,
das Elend und die Zärtlichkeit.


Was macht, dass ich so fröhlich bin
in meinem kleinen Reich?
Ich sing und tanze her und hin
vom Kindbett bis zur Leich.

Was macht, dass ich so furchtlos bin
an vielen dunklen Tagen?
Es kommt ein Geist in meinen Sinn,
will mich durchs Leben tragen.

Was macht, dass ich so unbeschwert
und mich kein Trübsal hält?

Weil mich mein Gott das Lachen lehrt
wohl über alle Welt.

Ich bin vergnügt, erlöst, befreit.
Gott nahm in seine Hände meine Zeit,
mein Fühlen, Denken, Hören, Sagen,
mein Triumphieren und Verzagen,
das Elend und die Zärtlichkeit.

(c) Marem - Fotolia.com


Das gerahmte Nichts 

Es ist Osterzeit. Zeit des Osterlachens „wohl über alle Welt“. Darum heute einmal eine etwas ungewöhnliche und vom sonstigen abweichende Betrachtung. Bitte nur mäßig ernst nehmen, aber doch so ernst, dass Sie noch Ihren Spaß haben. 

Haben Sie schon einmal einen Lochverstärkungsring gebraucht? Beim Lesen alter Akten passierte es. Prompt riss die Lochung der stark strapazierten ersten Seite im Leitzordner ein. Das Loch, das halten sollte, hielt nichts mehr. Da musste nun ein Lochverstärkungsring her. Und es ging mir durch den Kopf: Lochverstärkungsring, welch ein schönes, typisch deutsches Wort! Darum werden andere Völker uns beneiden. Und welch großes philosophisches Rätsel! 

Können Sie definieren, was ein Loch ist? Das ist gar nicht einfach. Wie immer gehören dazu „genus proximum“ und „differentia specifica“. Also wie in der klassischen Definition: Der Schimmel ist ein Pferd (=genus proximum), das weiß ist (=differentia specifica). Was also sind nun der nächst höhere Begriff oder die nächst höhere Gattung (genus proximum) bei einem Loch? Und was ist die kennzeichnende Eigenart, der spezifische Unterschied, der ein Loch als Loch auszeichnet? 

Ein Loch ist nach philosophischer Definition ein gerahmtes Nichts. „Gerahmtes Nichts“ – auch ein Hochgenuss deutscher philosophischer Begriffsbildung! Genus proximum, also der nächst höhere Begriff für das Loch ist das Nichts. Und die differentia specifica, also der spezifische Unterschied, der aus dem alles verschlingenden und gähnenden Nichts ein nur begrenztes Loch macht, ist der Rahmen, den es hat. 

„Sie gerahmtes Nichts, Sie!“ könnte also ein Philosoph im Zorn zu einem anderen sagen. Mittelschwere Beleidigung. Nicht ganz so schlimm wie „Sie großer weißer Vogel“, womit Heinz Erhardt seine Sekretärin ansprach. Seine ganz freundliche Definition für „Gans“. 

Was ein Loch ist, wissen wir ja nun, aber was ist eine Lochverstärkung? Macht sie das Loch stärker? Also größer? Nein, der deutsche Büromensch will das Loch nicht verstärken, sondern er will es stärker begrenzen. Insofern führt das Wort „Lochverstärkung“ auf eine völlig falsche Fährte. Denn nicht das Loch soll verstärkt werden, sondern der Rahmen, die Begrenzung des Lochs soll verstärkt werden. Verstärkungsring um ein Loch herum. Eingrenzung des Nichts. Verhindern, dass das Nichts über das Sein siegt. Das ist es, was im deutschen Büro passieren soll und da öfter auch ganz nebenbei geschieht. Welch eine Tat metaphysischer Größe! 

Ohne diesen tiefen metaphysischen Sinn zu bemerken, grenze ich das Nichts ein, indem ich den kleinen braunen Packpapier-Ring hinten mit meiner Zunge benetze, den Knochenleim schmecke und das kleine Ding auf mein altersschwaches Papier klebe. So war es früher jedenfalls. Heute sogar noch besser: selbstklebende kleine Plastikringe – durchsichtig und so nahezu unsichtbar, verhindern die Ausbreitung des Nichts ohne Zuhilfenahme meiner Zunge und ohne Knochenleim. Man sieht der Akte nun gar nicht an, dass sich das Nichts von seinen Rändern her ausbreiten wollte. Nun ist es gestoppt und alles geht wieder ganz alltäglich weiter. Das Loch hält wieder. 

Ich möchte ja ganz gern wissen, wer der Erfinder des Lochverstärkungsringes war. Er hätte schon einen Wikipedia-Eintrag verdient. Sicher ist er/sie Millionär/in geworden. Es gibt auf Anhieb 15.700 Einträge unter dem Wort „Lochverstärkungsring“. Nach erster Probe scheint kein einziger philosophisch oder gar theologisch zu sein. Alle völlig humorlos und an der Sache ausgerichtet. 

Aber das ist es ja, was unsereinen erbittert. Da findet sich immer in unmittelbarer und alltäglicher Nähe die ganze Fraglichkeit des Seins in seiner philosophisch und theologisch unausschöpfbaren Tiefe und keiner merkt es. Man pappt einfach nur den kleinen Ring drauf und schon ist die Sache erledigt. 

Aber ich will nicht klagen. Ich nehme mir nur meinen kleinen Lochverstärkungsring, der in seiner modernen Variante sogar nahezu unsichtbar ist und sage zu ihm: Du bist ja ein wunderbares Bild für meinen Beruf als Theologe und Philosoph: Wir können das Nichts, das Loch im Strumpf unseres Daseins zwar nicht beseitigen, aber wir können es eingrenzen. Seine Ausbreitung verhindern. Auf dass das von überallher auf uns eindringende Nichts uns nicht verschlingt, sondern im Rahmen bleibt. Gerahmtes Nichts. Ja, das ist doch eine wunderbare Aufgabe. 

Es grüßt Sie herzlich mit einem österlichen Lächeln

(21.04.2010)

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