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Liebe Leserinnen und Leser von update seele! 

Wir beginnen jetzt eine Serie über das Gebet. Alle vierzehn Tage kommt ein Impuls über das Beten. Sie werden dann später als eigenes Kapitel bei update-seele zu finden sein. 

Wie Beten schief und gut gehen kann, das lesen Sie im Lukasevangelium hier im Beispiel vom Pharisäer und vom Zöllner.

 

(c) Suto Norbert - Fotolia.com


Lk 18,9
Einigen, die von ihrer eigenen Gerechtigkeit überzeugt waren und die anderen verachteten, erzählte Jesus dieses Beispiel: 

10 Zwei Männer gingen zum Tempel hinauf, um zu beten; der eine war ein Pharisäer, der andere ein Zöllner. 

11 Der Pharisäer stellte sich hin und sprach leise dieses Gebet: Gott, ich danke dir, dass ich nicht wie die anderen Menschen bin, die Räuber, Betrüger, Ehebrecher oder auch wie dieser Zöllner dort. 

12 Ich faste zweimal in der Woche und gebe dem Tempel den zehnten Teil meines ganzen Einkommens. 

13 Der Zöllner aber blieb ganz hinten stehen und wagte nicht einmal, seine Augen zum Himmel zu erheben, sondern schlug sich an die Brust und betete: Gott, sei mir Sünder gnädig! 

14 Ich sage euch: Dieser kehrte als Gerechter nach Hause zurück, der andere nicht. Denn wer sich selbst erhöht, wird erniedrigt, wer sich aber selbst erniedrigt, wird erhöht werden.

(c) Christopher Martin - Fotolia.com


Barmherzig

Es fällt mir nicht leicht, jeden Morgen nach dem Aufstehen zuerst meine körperlichen Übungen zu machen. Ja, ich merke, wie ich oft versucht bin, lieber noch liegen zu bleiben. Merke, wie es immer später wird, ich aber nicht ausgeruhter bin vom liegen bleiben, sondern noch schlapper. Wenn ich es aber doch, wenn auch mühsam, geschafft habe, geht es mir gut. 

Es fällt mir nicht leicht, mich mit dem Essen zu beherrschen. Ja, oft esse ich zu viel. Fast immer zu schnell und zu gierig. Es ist schlimm. Täglich ein Kampf. Von Fasten kann schon gar keine Rede sein. Es reicht mir, wenn ich nicht immer noch unbeherrschter bin, was leider oft genug passiert… 

Es fällt mir schwer, abends rechtzeitig das Licht aus zu machen. Immer bin ich versucht, noch länger vor dem Computer zu sitzen. Jeden Tag nehme ich mir vor, heute machst du pünktlich Schluss. Doch wenn es dann so weit ist, dann mache ich doch wieder weiter. Und wenn es dann wieder nach Mitternacht wird, dann geht es noch schwerer, morgens meine Übungen zu machen – Sie sehen, es ist ein Kreislauf. Kennen Sie diesen ständigen Kampf auch? 

Aber noch ist in etwa die Balance da. Noch bin ich nicht völlig der herunterziehenden Schwerkraft erlegen. Noch schaffe ich es jeden Morgen aus dem Bett, wenn auch immer knapp und immer etwas unpünktlich, aber doch. Gott sei Dank!

Und weil ich darauf ein wenig stolz bin, habe ich leichte Verachtung in meinem Herzen, wenn ich die Typen vor der Trinkhalle stehen sehe. Sie nicht? Oder dem jungen Mann gegenüber, der mich am Bahnhof um ein Kleingeld bittet. Mein Herz bleibt kalt. Meine Hand bleibt zu. Obwohl ich weiß, dass das doch unchristlich ist. Warum bin so unbarmherzig? Weil es mich selber so viel Überwindung und Kraft kostet, nicht endgültig abzurutschen und mich selbst aufzugeben? Weil ich denke, der lässt sich so gehen (obwohl ich das ja höchstens vermute und gar nicht weiß), darum bekommt er nichts von mir. Weil auch ich am Abgrund stehe. Aber ich wehre mich noch dagegen. Ich versuche noch, mich zu halten. Meine Haltung und meine Selbstachtung zu bewahren. Darum unterstütze ich nicht noch den, der sie (aus meiner Sicht) aufgegeben hat. 

Bin ich darum ein Pharisäer?

Der junge Mann geht zum nächsten. Und er bekommt etwas. 

Aber wie oft geht es mir auch anders, als eben geschildert! Keine Selbstachtung ist übrig geblieben bei mir. Ich sitze ganz tief unten und bin verzweifelt über mich selbst. Ich habe keine Lust mehr weiter zu gehen. Mir wieder einen neuen Anschub zu geben. Den nächsten Schritt zu tun. Ich lasse mich gehen und sage mir: Nun ist es auch egal. Jetzt kommt es auch nicht mehr drauf an. Ich will einfach nicht mehr weiter kämpfen und mich selber weiter schleppen und wieder gegen diese elende Schwerkraft kämpfen. Ich lasse es sein und sinke und bin ganz ohne Kraft und Widerstand. Und jetzt? Die Trauer und das Nichts schlagen über mir zusammen. 

Und ich kann nur stammeln: Gott, sei mir armen Sünder gnädig! Aber ich kann nicht glauben, dass Er mir gnädig ist. Dass er Erbarmen hat. Dass er Mitleid hat. Dass er mich gar liebt, wie mir so oft schon gesagt wurde. Unmöglich zu glauben. Unmöglich anzunehmen in dieser Situation. Wie soll Er mich akzeptieren, wo ich selbst es nicht kann? Wie soll ich das glauben und annehmen? Es geht nicht. Ich gehe weg. Weg aus dem Tempel wie der Zöllner. 

Bin ich von Gott angenommen? Bin ich von ihm gerechtfertigt? 

Jesus sagt es so. Bitte lesen Sie das berühmte Gleichnis! Über das Gebet des Pharisäers – der ich bin. Und das Gebet des Zöllners – der ich bin auch. Es steht bei Lukas, dem Prediger der Barmherzigkeit, im 18. Kapitel. 

Also versuche ich trotz allem Gottes Gnade und Liebe anzunehmen und mich doch wieder aufzurichten und doch wieder von vorn zu beginnen. 

Bitte, versuchen auch Sie es. ER IST BARMHERZIG! 

(19.01.2010)

Thomas Gertler SJ