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Die Worte Jesu gegen die Schriftgelehrten und Pharisäer erschrecken uns oft in ihrer Heftigkeit. Man spürt darin die verletzte Liebe Jesu. Denn Jesus selbst stand den Pharisäern nahe. Er glaubte wie sie an die Auferstehung der Toten. Er verkündete das Kommen des Reiches Gottes wie auch die Pharisäer. Er sah wie sie in der Erfüllung des Willens Gottes die erste Aufgabe. Aber wie dieser Wille erfüllt wird und wie Gott verstanden wird, darin liegt der Unterschied. Für Jesus ist Gott der liebende Vater, für die Pharisäer der Evangelien ein kleinlicher Rechengott. Jesus ging es nicht um die äußere korrekte Erfüllung eines jeden einzelnen Gebotes, sondern um ihren inneren Sinn und der ist im Doppelgebot der Gottes- und der Nächstenliebe zusammengefasst (Mk 12,28-34). Die Gefahr pharisäisch in diesem Sinne zu sein, ist immer wieder die Gefahr in der Kirche. Darum gelten sie auch uns.


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Mt 23,1 Darauf wandte sich Jesus an das Volk und an seine Jünger

2 und sagte: Die Schriftgelehrten und die Pharisäer haben sich auf den Stuhl des Mose gesetzt.

3 Tut und befolgt also alles, was sie euch sagen, aber richtet euch nicht nach dem, was sie tun; denn sie reden nur, tun selbst aber nicht, was sie sagen.

4 Sie schnüren schwere Lasten zusammen und legen sie den Menschen auf die Schultern, wollen selber aber keinen Finger rühren, um die Lasten zu tragen.

5 Alles, was sie tun, tun sie nur, damit die Menschen es sehen: Sie machen ihre Gebetsriemen breit und die Quasten an ihren Gewändern lang,

6 bei jedem Festmahl möchten sie den Ehrenplatz und in der Synagoge die vordersten Sitze haben,

7 und auf den Straßen und Plätzen lassen sie sich gern grüßen und von den Leuten Rabbi (Meister) nennen.

8 Ihr aber sollt euch nicht Rabbi nennen lassen; denn nur einer ist euer Meister, ihr alle aber seid Brüder.

9 Auch sollt ihr niemand auf Erden euren Vater nennen; denn nur einer ist euer Vater, der im Himmel.

10 Auch sollt ihr euch nicht Lehrer nennen lassen; denn nur einer ist euer Lehrer, Christus.

11 Der Größte von euch soll euer Diener sein.

12 Denn wer sich selbst erhöht, wird erniedrigt, und wer sich selbst erniedrigt, wird erhöht werden.

13 Weh euch, ihr Schriftgelehrten und Pharisäer, ihr Heuchler! Ihr verschließt den Menschen das Himmelreich. Ihr selbst geht nicht hinein; aber ihr lasst auch die nicht hinein, die hineingehen wollen.

14 []

15 Weh euch, ihr Schriftgelehrten und Pharisäer, ihr Heuchler! Ihr zieht über Land und Meer, um einen einzigen Menschen für euren Glauben zu gewinnen; und wenn er gewonnen ist, dann macht ihr ihn zu einem Sohn der Hölle, der doppelt so schlimm ist wie ihr selbst.

16 Weh euch, ihr seid blinde Führer! Ihr sagt: Wenn einer beim Tempel schwört, so ist das kein Eid; wer aber beim Gold des Tempels schwört, der ist an seinen Eid gebunden.

17 Ihr blinden Narren! Was ist wichtiger: das Gold oder der Tempel, der das Gold erst heilig macht?

18 Auch sagt ihr: Wenn einer beim Altar schwört, so ist das kein Eid; wer aber bei dem Opfer schwört, das auf dem Altar liegt, der ist an seinen Eid gebunden.

19 Ihr Blinden! Was ist wichtiger: das Opfer oder der Altar, der das Opfer erst heilig macht?

20 Wer beim Altar schwört, der schwört bei ihm und bei allem, was darauf liegt.

21 Und wer beim Tempel schwört, der schwört bei ihm und bei dem, der darin wohnt.

22 Und wer beim Himmel schwört, der schwört beim Thron Gottes und bei dem, der darauf sitzt.

23 Weh euch, ihr Schriftgelehrten und Pharisäer, ihr Heuchler! Ihr gebt den Zehnten von Minze, Dill und Kümmel und lasst das Wichtigste im Gesetz außer Acht: Gerechtigkeit, Barmherzigkeit und Treue. Man muss das eine tun, ohne das andere zu lassen.

24 Blinde Führer seid ihr: Ihr siebt Mücken aus und verschluckt Kamele.

25 Weh euch, ihr Schriftgelehrten und Pharisäer, ihr Heuchler! Ihr haltet Becher und Schüsseln außen sauber, innen aber sind sie voll von dem, was ihr in eurer Maßlosigkeit zusammengeraubt habt.

26 Du blinder Pharisäer! Mach den Becher zuerst innen sauber, dann ist er auch außen rein.

27 Weh euch, ihr Schriftgelehrten und Pharisäer, ihr Heuchler! Ihr seid wie die Gräber, die außen weiß angestrichen sind und schön aussehen; innen aber sind sie voll Knochen, Schmutz und Verwesung.

28 So erscheint auch ihr von außen den Menschen gerecht, innen aber seid ihr voll Heuchelei und Ungehorsam gegen Gottes Gesetz.

29 Weh euch, ihr Schriftgelehrten und Pharisäer, ihr Heuchler! Ihr errichtet den Propheten Grabstätten und schmückt die Denkmäler der Gerechten

30 und sagt dabei: Wenn wir in den Tagen unserer Väter gelebt hätten, wären wir nicht wie sie am Tod der Propheten schuldig geworden.

31 Damit bestätigt ihr selbst, dass ihr die Söhne der Prophetenmörder seid.

32 Macht nur das Maß eurer Väter voll!

33 Ihr Nattern, ihr Schlangenbrut! Wie wollt ihr dem Strafgericht der Hölle entrinnen?

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Austreten? 

Viele treten jetzt aus der Kirche aus. Und es ist sehr verständlich, weil sich so viele Priester an Kindern und Jugendlichen schuldig gemacht haben. Weil das vertuscht worden ist. Weil die Verantwortlichen oft kein Ohr für die Opfer hatten, sondern vor allem den Ruf der Kirche und den Schutz der Täter gesehen haben und dafür tätig geworden sind. Gerade der moralische Anspruch der Kirche ist dadurch unglaubwürdig geworden. Austritt aus und Distanzierung von der Kirche sind sehr verständlich. 

Ich bin Jesuit. Ich bin Priester. Ich gehöre mit zur Institution. Es macht mich stumm. Auch wenn ich jetzt versuche zu schreiben. Dass mich die Verbrechen meiner eigenen Brüder erschüttern und erschrecken, das ist wahr. Dass sie etwas sind, das ich nie für möglich gehalten hätte und mich nun aus allen Wolken fallen lässt, das ist nicht der Fall. Nicht nur, dass ich schon vor Jahren von all den Fällen sexueller Gewalt in der Kirche der USA gehört habe, ich habe mich als Verantwortlicher für die Priesterausbildung damit auch lange damit befasst zu verhindern, dass Ungeeignete Priester werden. Daher war es mir klar, dass es solche Verbrechen auch bei uns gibt. 

Schon lange vor den aktuellen Geschehnissen ist mir auch bewusst gewesen, dass in jeder Institution, die einen moralischen Anspruch erhebt, die Gefahr der Verlogenheit besonders groß ist. Auch und gerade in der Kirche. Gerade weil man gut sein will, weil man moralisch integer, oder traditioneller, weil man „heilig“ sein will, darum verbirgt man sich selbst und anderen leicht und gern alles, was dem widerspricht. Darum sind Leute außerhalb der Kirche, ja sogar Menschen aus den so genannten „schlechten Milieus“ oft ehrlicher und wahrhaftiger untereinander als wir. In der Kirche will man ja gerade gut, freundlich, wohlwollend und schonend miteinander umgehen. Und meist tut man das ja auch. Aber darum sagt man sich auch seltener wirklich die unangenehmen Wahrheiten. Und das gibt oft diese falsche freundliche Atmosphäre. Denn wir Christen sind nicht besser als andere. Die schlimmen Dinge, ja Verbrechen geschehen auch bei uns. Sie sind aber dann besonders enttäuschend, ja teilweise verheerend, wenn sie dann offenbar werden. Weil sie ja nicht hätten geschehen sollen. Und dass sie wenigstens in der Kirche nicht geschehen sollen, erwarten auch die Leute außerhalb der Kirche von der Kirche. 

Schon lange geht mir durch den Sinn, dass die heftigen Auseinandersetzungen Jesu mit den Pharisäern in den Evangelien, eigentlich alle Auseinandersetzungen Jesu mit seiner Kirche sind. Denn ihre Gefahr ist genau dieser Pharisäismus. Gerade weil die Kirche gut und heilig sein will. Gerade weil sie die Gebote leben und erfüllen will. Gerade darum ist sie besonders anfällig dafür. Gerade darum müssen wir uns das immer wieder von Jesus sagen lassen und das immer wieder hören und uns darüber klar sein. Nicht um uns daran zu gewöhnen, sondern um es uns abzugewöhnen. Und ich verstehe diese Gefahr des Pharisäismus so gut, weil sie mich selbst betrifft. Weil ich sie von mir selbst kenne. 

So war ich jetzt sehr froh, als eine gute Freundin von mir über die Enttäuschung an uns Jesuiten sagte: ‚Mir ist daran klar geworden, ich soll mich nicht mit den Jesuiten identifizieren, sondern mit Jesus.’ Und ich habe gedacht: Ja, genau, das ist die richtige Antwort und die richtige Reaktion. Und das kann ich nur jedem raten, der die Jesuiten schätzt und ihre Arbeit: Nicht mit den Jesuiten identifizieren, sondern mit Jesus.

Und ganz ähnlich ist es mit der Frage nach dem Austritt aus der Kirche. So schrieb sie mir jetzt, dass sie ernsthaft überlegt hat, aus der Kirche auszutreten und ich war sehr erschrocken. Und dachte, lieber Gott, bitte das nicht. Und sie schrieb, dass sie sich entschieden hat, nicht auszutreten, weil der Glaube an Jesus Christus der Glaube der Kirche ist und ohne die Kirche nicht existieren kann. Das ist fast wörtlich aus ihrem Brief. Und ich bin auch für dieses Wort so dankbar. Denn so ist es. Ohne die Gemeinschaft der Glaubenden, ohne die Kirche würde heute kein Mensch mehr von Jesus wissen. Denn alles Wesentliche wissen wir tatsächlich durch die Schriften, die uns die ersten Christen hinterlassen haben. Und mit diesen Texten bewahrt die Kirche alles das, was sie selbst immer wieder richtet im doppelten Sinne, was sie verurteilt und wieder aufrichtet. Den Grund ihres Gerichtes und den Grund ihrer Hoffnung bewahrt sie damit auf und nicht nur für sich, auch für die vielen, die heute außerhalb der Kirche an Christus glauben. Für die auch außerhalb der Kirche Jesus der Maßstab ist. 

(05.05.2010)

In der Überzeugung, dass auch in dieser schwierigen Zeit Christus uns begleitet, grüße ich Sie herzlich 

Thomas Gertler SJ

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