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Im Buch Kohelet gibt es eine Text über die Zeit. Er ist auch in dem bekannten Lied der Puhdys aufgenommen: „Steine sammeln – Steine zerstreun“

Kohelet 3,1 Alles hat seine Stunde. Für jedes Geschehen unter dem Himmel gibt es eine bestimmte Zeit:

2 eine Zeit zum Gebären / und eine Zeit zum Sterben, / eine Zeit zum Pflanzen / und eine Zeit zum Abernten der Pflanzen,

3 eine Zeit zum Töten / und eine Zeit zum Heilen, / eine Zeit zum Niederreißen / und eine Zeit zum Bauen,

4 eine Zeit zum Weinen / und eine Zeit zum Lachen, / eine Zeit für die Klage / und eine Zeit für den Tanz;

5 eine Zeit zum Steinewerfen / und eine Zeit zum Steinesammeln, / eine Zeit zum Umarmen / und eine Zeit, die Umarmung zu lösen,

6 eine Zeit zum Suchen / und eine Zeit zum Verlieren, / eine Zeit zum Behalten / und eine Zeit zum Wegwerfen,

7 eine Zeit zum Zerreißen / und eine Zeit zum Zusammennähen, / eine Zeit zum Schweigen / und eine Zeit zum Reden,

8 eine Zeit zum Lieben / und eine Zeit zum Hassen, / eine Zeit für den Krieg / und eine Zeit für den Frieden.

(c) green308 - Fotolia.com


Am Rande - Gott

Wo begegnet uns Gott? Jedem Menschen in unserem Land begegnet Gott immer noch am Rande des Lebens, selbst wenn er/sie sonst nichts mit Kirche oder Religion zu tun hat. Jede/r ist mal bei einer kirchlichen Beerdigung dabei. Oder bei einer Kindtaufe. Oder bei einer kirchlichen Hochzeit. Oder bei einer evangelischen Konfirmation. Oder einer katholischen Erstkommunion.

Noch unausweichlicher feiern alle, ob gläubig oder ungläubig, die christlichen Feste: Weihnachten und Ostern und Pfingsten und je nach Landschaft auch noch so was wie Fronleichnam oder Reformationstag. Das sind gesetzliche Feiertage für alle Menschen in unserem Lande, ob sie sie innerlich begehen oder nicht. Ja, jeder Sonntag ist eine Erinnerung an die Auferstehung Christi und alle Glocken läuten und laden ein. Die Zeiteinteilung und die Zeitrechnung sind unausrottbar christlich. Es hat heftige Bemühungen gegeben, das zu ändern. In der Französischen Revolution, in der Russischen Revolution. Alles ist wieder zurückgenommen.

Das sind Fakten, die unser Leben strukturieren. Also haben wir noch ein strukturelles Christentum. Aber begegnet uns dort wirklich Gott? Ich meine, dass uns Gott dort begegnet. Er begegnet uns, aber nur am Rande – daher die Überschrift zu diesem Impuls. Eine Begegnung wie bei Passanten auf der Straße, gewissermaßen vorübergehend. Ob es irgendwie tiefer geht, das muss ich selbst entscheiden. Das liegt an mir. Immer wieder kann es geschehen, dass eines dieser Ereignisse, eine dieser Strukturen, mich wirklich intensiver mit Gott in Kontakt bringt.

Das geschieht vor allem dann, wenn ich selbst betroffen bin. Wenn es um die Konfirmation meiner Tochter oder meines Sohnes geht. Oder die Erstkommunion. Oder um die eigene Hochzeit. (Oder – kleiner, ernster Scherz – bei meiner Beerdigung. Da stehe ich dann sogar im Mittelpunkt. Und da begegne ich dann mit Sicherheit Gott…).

Für viele sind diese Ereignisse nur Konvention. Es ist das, was man tut. Was alle so machen. Und in der Kirche ist es so schön feierlich. Aber es kann, wie gesagt, auch tiefer gehen. Plötzlich steht die Frage da: Was soll das alles? Will ich einfach immer so weiter machen? Gibt es nicht noch etwas Wesentlicheres und Tieferes als das Alltägliche? Es kann mir bei einer solchen Gelegenheit tatsächlich Gott begegnen. Vom Rand her wird mit einem Mal mein Herz getroffen. Ich merke, dass es größere und tiefere Zusammenhänge geben muss, wenn mein Leben einen Sinn haben soll, der über das ganz Banale und Oberflächliche hinausgehen soll.

Ich möchte Sie heute einladen, über diese Strukturen einmal nachzudenken und zu meditieren.

Die Einteilung der Zeit in Stunden, Tage, Wochen, Monate und Jahre gibt Orientierung. Sie ist eine ganz alte Kulturleistung. Viel älter als das Christentum. Die Bestimmung der Zeiten hat die Sesshaftigkeit und den Ackerbau möglich gemacht. Man musste wissen, wann Aussaat und Ernte zu halten waren. Wann die Frühjahrs- und Wintersonnenwende waren. Das Wort Kultur kommt von der Kultivierung des Bodens (cultura).

Die Zeitmessung gibt nicht nur Orientierung dafür. „Unsere Jahre zu zählen, lehre uns“, so heißt es in der Bibel. Ich muss wissen, was die Stunde geschlagen hat. Was in meinem Leben dran ist. Und was vorbei ist.

Ohne das Bedenken der Zeit keine Geschichte. Ohne Geschichte werden wir immer mehr zu Eintagsfliegen. Wird alles sehr kurzfristig und kurzsichtig. Verliere ich den Zusammenhang und damit auch den Sinn. Viele spüren heute diese Vereinzelung. Sie geschieht, wenn ich nicht bewusst in der Zeit lebe, sondern nur so dahin lebe. Welche Bedeutung haben für mich und mein Leben diese Zeitstrukturen?

Christliches Verständnis der Zeit sieht in der Zeit, wie sie uns Sonne, Mond und Sterne vermitteln, auch ein Geschenk Gottes. Denn sie sind von Gott für uns geschaffen. Die Orientierung, die uns die Gestirne geben, sind noch einmal umgriffen von Gott selbst. Er gibt uns darin Zeit. Er gibt uns darin Weisung und Geleit.

Tiefer noch wird das erinnert und gefeiert in den Festen des Jahres. Sie erinnern uns daran, dass Gott nicht der ferne Uhrmacher ist, der einmal die Weltenuhr aufgezogen hat und nun fern von uns ihren Ablauf beobachtet, sondern dass Gott unsere Zeit mit uns lebt und uns darin begegnen will.

Sicher haben Sie dazu eigene wichtige Erfahrungen und Erinnerungen. Es ist gut, sie sich einmal wieder zu vergegenwärtigen. Gottes tragende, führende, weisende Hand wird darin erfahrbar. Das sollte uns nicht nur am Rande bewusst werden.

31.03.2009