Sie sind hier: {$rootlineLinkWrap}updateseele.de{$rootlineLinkWrap}Impuls der WocheAlle meine Gedanken, alle meine Worte und Werke… (28.07.2009)
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Im Brief an die Kolosser steht der Satz, von dem vielleicht das Gebet des Ignatius inspiriert ist, nämlich im 17. Vers des dritten Kapitels: ALLES, was ihr in Worten und Werken tut… Das andere vorher ist aber der Grund dafür, dass wir alles auf Gott in Christus ausrichten lassen können…

(c) Thomas Gertler


Kol, 3,12
Ihr seid von Gott geliebt, seid seine auserwählten Heiligen. Darum bekleidet euch mit aufrichtigem Erbarmen, mit Güte, Demut, Milde, Geduld!

13
Ertragt euch gegenseitig und vergebt einander, wenn einer dem andern etwas vorzuwerfen hat. Wie der Herr euch vergeben hat, so vergebt auch ihr!

14
Vor allem aber liebt einander, denn die Liebe ist das Band, das alles zusammenhält und vollkommen macht.

15
In eurem Herzen herrsche der Friede Christi; dazu seid ihr berufen als Glieder des einen Leibes. Seid dankbar!

16
Das Wort Christi wohne mit seinem ganzen Reichtum bei euch. Belehrt und ermahnt einander in aller Weisheit! Singt Gott in eurem Herzen Psalmen, Hymnen und Lieder, wie sie der Geist eingibt, denn ihr seid in Gottes Gnade.

17 Alles, was ihr in Worten und Werken tut, geschehe im Namen Jesu, des Herrn. Durch ihn dankt Gott, dem Vater!


(c) Christian Wode


Alle meine Gedanken, alle meine Worte und Werke…

Alle meine Gedanken, Worte und Werke mögen ausgerichtet sein auf Gott, darauf, ihm zu dienen, darauf, ihn zu ehren und zu verherrlichen. So betet zu Beginn jeder Gebetszeit jede/r, die/der die Geistlichen Übungen des heiligen Ignatius von Loyola macht. Ignatius schlägt dieses Gebet selbst vor, und zwar in der Nr. 46 seines Exerzitienbuches. Dort heißt es wörtlich: „Das Vorbereitungsgebet [vor jeder Betrachtung] ist: von Gott Unserem Herrn die Gnade erbitten dazu hin, dass alle meine Absichten, Handlungen und Beschäftigungen rein im Dienst und in der Verherrlichung Seiner Göttlichen Majestät geordnet seien.“ Ich habe es oben mit meinen eigenen Worten gesagt, die nicht ganz so nach „Übersetzung“  klingen.
Ich habe das Gebet als junger Jesuit gelernt. Und ich bete es jetzt schon 42 Jahre lang. Bis ich es wirklich verstanden habe, hat es Jahre gedauert. Bis ich es ganz und gar so bete, wie Ignatius es gemeint hat, werden wohl immer noch weitere Jahre vergehen.

Ist dieses Gebet überhaupt ehrlicherweise möglich? ALLE meine Gedanken, Worte und Werke…  Geht denn das: ALLES?


Denn das bedeutet: ich selbst mit ALLEM, was ich bin, mit meiner ganzen Geschichte, mit allem, was da auch gar nicht ausgerichtet ist auf Gott, was seine eigenen Wege geht, was ich von mir selbst nicht kenne und wahrhaben möchte, was da unerlöst im Finstern wabert und was mich selbst stört und meinem Bild von mir widerspricht, was ich an mir selbst ablehne und hasse. ALLES, so bete ich möge ausgerichtet werden auf Gott. Und nicht nur mit allem, was da immer so da ist aus meiner Vergangenheit, nein, jetzt, in dieser Stunde bitte ich darum, dass alle Gedanken, Worte und Werke auf Gott ausgerichtet seien. Geht das? Will ich das?

Solche passivischen Formulierungen: „möge ausgerichtet sein auf Gott“ bedeuten nicht, dass sich alles von selbst ausrichten möge – das wäre sehr schön, wenn es das täte. Aber gerade darum bete ich ja zu Gott, weil ich genau weiß, dass es das von selbst nicht tut. Es bedeutet aber auch nicht, dass ich alles das ausrichten soll, muss und kann. Nein, es ist die Bitte, dass Gott das tun möge. Ich bitte um das Geschenk Gottes, um seine Gnade. Alles soll, so bete ich, von ihm gerichtet, gerade gemacht, erleuchtet, gelichtet, durchstahlt, erlöst, geheilt werden… Und zwar jetzt in dieser Stunde. Von mir ist hier nur erwartet, dass ich dazu bereit bin. Dass ich IHN das mit mir tun lasse. Dass ich es mit allem, was in mir ist, tun lasse.

Will ich das wirklich? Will ich Gott an mir handeln lassen? Soll er tatsächlich alles in mir ordnen, hinordnen, richten, ausrichten? Ich will es nicht, auch jetzt immer noch nicht. Ich habe Angst davor. Ich möchte die Verfügung über mich behalten. Gott soll nicht über ALLES bestimmen. Ich will das Heft selbst in der Hand behalten. Auch wenn ich weiß, dass ich vieles gar nicht wirklich in der Hand habe. Das hat uns ja schon Sigmund Freud gesagt, dass wir nicht Herren im eigenen Hause (unseres Leibes und Geistes) sind. Aber Gott das sein lassen? Werde ich dann nicht tatsächlich nur noch ein Instrument, ein Werkzeug und Ding in Gottes Hand? Wenn ich das Gebet bete, gebe ich mich selbst auf. So ist meine Angst.

Und es gibt noch eine andere Angst. Ich will ja gar nicht so ein ordentliches und geordnetes Leben führen. Ich brauche die Unordnung. Ich brauche das Chaos. Die absolute Ordnung ist der Tod für mich. Die totale Kontrolle. Die völlige Überwachung. Big brother is watching you. Wie im Roman „1984“ von George Orwell. Keine Freiheit mehr. Keine neuen Gedanken, die immer den Sumpf des Chaotischen brauchen, um daraus aufzusteigen. Ich sträube mich dagegen, wenn ich ehrlich bin. Ich will nicht, dass alles nur ausgerichtet, kontrolliert und geordnet ist. Das hängt mit meiner DDR-Erfahrung zusammen und dem Großen Bruder, der einen da bewachte. Wie ist das bei Ihnen? Wo haben Sie Angst vor Gott?

Wie ich das so schreibe, staune ich, wie sehr mich doch immer noch diese alte Angst prägt, ja sich bis in meine Beziehung zu Gott hineingeschlichen hat.

Andererseits gibt es seit meiner Jugend eine große Sehnsucht nach der Ordnung, nach dem Licht, nach der Wahrheit, nach Klarheit, nach dem Verstehen. Ich will wirklich wissen, was da in mir lebt und webt.

Und noch wichtiger und noch tiefer. Ich weiß inzwischen nach all den langen Jahren des Lebens und Ringens mit Gott und mit dem Glauben, nach allen Krisen und allem Scheitern, dass Gott tatsächlich nicht mein Feind, sondern mein Freund ist. Dass ich wirklich alles mit Ihm teilen kann. Dass ich Ihm alles mitteilen kann. Das ich ihm vertrauen und alles anvertrauen kann. Ja wirklich ALLES.

Und so kann ich mit Ihm auf meine Problemzonen schauen. Ich kann sie annehmen. Und ich kann mich mit ihnen versöhnen. Ja, ich kann sogar ihre Kraft und Schönheit entdecken. Aus der Lust, die die Grundkraft in meinem Leben ist (welches ist Ihre?), aus der Sehnsucht nach Lust, nach Geschmack wird etwas Tieferes, nämlich aus Lust kann Freude werden. Bloßes Vergnügen kann sich zur Freude wandeln. Wenn ich sie verwandeln und ordnen lasse. Aus bloßer sexueller Gier kann Liebe, Ehrfurcht, Beziehung werden. Aus dem Trieb und dem Getriebensein kann Freiheit und bewusstes, verantwortliches Wollen werden. Aus meinem Chaos kann Kosmos werden. Wenn ich sie ins Licht der Liebe und Gnade Gottes stelle. All das habe ich schon erlebt. Und das erlebe ich. Nicht immer, aber immer öfter, wie es in einem Reklamespruch heißt.

Das täglich gebetete Gebet des Ignatius wird so mein Gebet um Erlösung, um Gemeinschaft, um Freiheit, um die große Freude, um das Angenommensein. Und so bete ich um die Gnade, dass alle meine Gedanken, alle meine Worte und Handlungen, alle meine An-Triebe und Motive ausgerichtet werden durch Sein Wirken in mir auf Ihn, in dem ich alles wiederfinde, aber geheilt, geklärt, durchstrahlt, befreit, gut, rein und wahr.
    
Gott sei Dank!

(28.07.2009)