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Heute an dieser Stelle kein weiterer Bibelvers, sondern einmal wieder Lyrik. Christian Morgenstern hat ein Gedicht geschrieben, das den besprochenen Bibelvers humorvoll verschmitzt weiterdenkt und das ich Ihnen hier gern hinschreibe.

„Tertius gaudens“ heißt übrigens „der lachende Dritte“.  Welcher dritte lacht denn hier? Auch Sie?


Tertius Gaudens (Ein Stück Entwicklungsgeschichte)

Vor vielen Jahren sozusagen
hat folgendes sich zugetragen.

Drei Säue taten und ein Huhn
in einem Hof zusammenruhn.

Das Huhn, wie manchmal Hühner sind
(im Sprichwort mindestens), war blind.

Die Säue waren schlechtweg Säue
von völliger Naturgetreue.

Dies Dreieck nahm ein Mann aufs Ziel,
vielleicht war's auch ein Weib, gleichviel.

Und trat heran und gab den Schweinen -
Ihr werdet: Runkelrüben meinen. 

O nein, er warf - (er oder sie) -
warf - Perlen vor das schnöde Vieh.

Die Säue schlossen träg die Lider ...
Das Huhn indessen, still und bieder,

erhob sich ohne Hast noch Zorn
und fraß die Perlen auf wie Korn.

Der Mensch entwich und sann auf Rache;
doch Gott im Himmel wog die Sache

der drei Parteien und entschied,
dass dieses Huhn im nächsten Glied

die Perlen außen tragen solle.
Auf welche Art die Erdenscholle -

das Perlschwein -? Nein! Das war verspielt!
das Perl - Huhn zum Geschenk erhielt.

(c) Thomas Gertler


Affenliebe

Im Mai 2007 brach im Rotterdamer Zoo der Gorilla Bokito aus. Er überwand einen breiten Wassergraben und sprang unter die zahlreichen Zuschauer, griff eine Frau an, schleifte sie mit sich, verletzte sie durch Bisse und hartes Anfassen schwer und ließ erst nach einer Weile von ihr ab, stürmte in ein Lokal und warf mit den Stühlen um sich. Dort wurde er dann mit Pfeilen betäubt und zurück in das Gehege gebracht.

Die Reaktionen der Presse am Tag danach: So ein Tier rastet eben mal aus. Er war ja auch schon im Zoo von Berlin ausgebrochen. Die Sicherheitsmaßnahmen müssen jedenfalls verstärkt und die Menschen vor den Tieren geschützt werden.

Bei genauerer Untersuchung des Vorfalls stellte sich heraus: Es war kein Zufall, dass Bokito gerade diese Frau angriff. Er kannte sie genau und vor allem sie kannte ihn genau. Sie hatte ihn fast täglich im Zoo besucht und Kontakt durch die Glasscheibe mit ihm gesucht. Sie war sehr fasziniert von ihm und hat auf unsere menschliche Weise Kontakt mit ihm gesucht. Er aber hat das auf seine Weise verstanden und reagiert. Sie hat ihm immer wieder in die Augen geschaut. Das ist bei einem solchen Silberrücken, dem Anführer seiner Horde, eine Provokation und fordert die Aggression heraus. Denn er fühlt sich dadurch in seiner Stellung bedroht und will die Unterordnung. Die hat er erzwungen von der Frau. Er hat erst von ihr abgelassen, als sie sich klein gemacht hat.

Seine Besucherin aber will nicht von ihm ablassen. Als sie nach der Notoperation aus ihrer Vollnarkose erwachte, verkündete sie: „Ich verzeihe Bokito. Er ist und bleibt mein Liebling!“
Es hat dann eine längere Diskussion über die ganze Sache gegeben. Einmal, dass es solche Liebe zu Affen des Öfteren gibt… Dass der Gorilla Bokito ein besonderer Fall ist, weil er nicht von einer Gorillamutter groß gezogen worden ist, sondern wie der kleine Eisbär Knut von einem Wärter mit der Flasche. Und dass darin ein besonderes Problem liegt, denn diese Tiere werden dadurch auf den Menschen geprägt und kommen dann mit ihren Artgenossen nicht richtig zurecht.

Mir kommen zu dieser Geschichte einige Gedanken, die damals so nicht diskutiert worden sind. Was wir daran sehen können ist: Der erste Anschein kann sehr trügen und zu völlig falschen Schlüssen führen. Nach dem ersten Anschein, ist der Affe einfach durchgedreht und hat völlig verrückt gehandelt. Der Mensch muss besser vor ihm geschützt werden. Dann stellt sich das Gegenteil heraus. So dass man sich fragen muss, ob nicht das Tier vor dem Menschen hätte geschützt werden müssen. Das Wort Affenliebe bekommt eine neue Bedeutung.

Allgemeiner gesagt: es ist dem Menschen eigen, dass er den anderen verstehen kann, sich in den anderen hineinversetzen kann. Gerade dadurch unterscheidet er sich vom Tier (vgl. Impuls „Glück der Selbstvergessenheit“). Das Tier konnte nicht anders handeln. Es musste seinem Instinkt folgen und seine Autorität als Führer der Horde durchsetzen.  Die Frau hätte sich anders verhalten können und sollen. Wenn sie den Affen schon liebt, dann hätte sie ihn als Affen lieben sollen und nicht wie einen Menschen. Dann hätte sie ihm gerecht werden sollen. Ihn wirklich verstehen und auf die Weise der Affen mit dem Affen umgehen sollen. Das hat Dian Fossey getan, die berühmte Gorillaforscherin. Sie hat die Tiere nicht wild gemacht, sondern konnte wirklich in Frieden mit ihnen leben. Ja, sie konnte ihnen sogar mehr Frieden von den Menschen verschaffen. Das können wir wirklich aus dieser Geschichte lernen. Und das betrifft dann unseren Umgang mit den Menschen genauso.

Es gibt ein Wort Jesu in der Bibel, das uns erschrecken kann, aber auf dem Hintergrund dieser Geschichte sehr verständlich wird. Es steht bei Matthäus im siebten Kapitel:

Mt 7,6 Gebt das Heilige nicht den Hunden und werft eure Perlen nicht den Schweinen vor, denn sie könnten sie mit ihren Füßen zertreten und sich umwenden und euch zerreißen.


Das Wertvollste, das wir besitzen, unsere Liebe, unsere Hoffnung, unseren Glauben, sollen wir nicht in der falschen Weise verteilen. Hunde wollen Hundefutter. Schweine wollen Schweinefutter. Auch sie sollen Liebe geschenkt bekommen, aber in einer Weise, die ihnen gerecht wird, die sie und ihre Bedürfnisse versteht. So liebt man sie richtig. Sonst werden sie mit Recht, sich umwenden und uns zerreißen.

Ursprünglich ist mit diesem Wort gemeint, dass man Außenstehenden, die noch nicht in den Glauben eingeführt sind, nicht schon von Anfang an und sofort in das Innerste und Persönlichste des christlichen Gottesdienstes mitnimmt. Sonst ist die Gefahr des Missverständnisses groß. Und so ist es ja dann auch tatsächlich geschehen. Man hat die Eucharistie, die das Heilige ist, in der uns unter Brot und Wein der Leib und das Blut Christi gereicht werden, missverstanden. Und man hat den Christen den Vorwurf gemacht, sie würden Menschenfresserei betreiben.

Ich wünsche Ihnen die rechte Gabe der Unterscheidung, besonders was ihre wertvollsten Gaben betrifft.

(20.10.2009)