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Die Jünger Jesu haben ihn auch nicht immer gleich gesehen und erkannt. Vielmehr haben sie ihn für einen Schrecken und ein Gespenst gehalten und geschrien. Und Jesus musste ihnen erst sagen: Ich bin es fürchtet euch nicht.

Mk 6,45 - 52

6,45Gleich darauf [nach der wunderbaren Brotvermehrung] forderte er seine Jünger auf, ins Boot zu steigen und ans andere Ufer nach Betsaida vorauszufahren. Er selbst wollte inzwischen die Leute nach Hause schicken. 46 Nachdem er sich von ihnen verabschiedet hatte, ging er auf einen Berg, um zu beten. 47 Spät am Abend war das Boot mitten auf dem See, er aber war allein an Land. 48 Und er sah, wie sie sich beim Rudern abmühten, denn sie hatten Gegenwind. In der vierten Nachtwache ging er auf dem See zu ihnen hin, wollte aber an ihnen vorübergehen. 49 Als sie ihn über den See gehen sahen, meinten sie, es sei ein Gespenst, und schrien auf. 50 Alle sahen ihn und erschraken. Doch er begann mit ihnen zu reden und sagte: Habt Vertrauen, ich bin es; fürchtet euch nicht! 51 Dann stieg er zu ihnen ins Boot und der Wind legte sich. Sie aber waren bestürzt und außer sich. 52 Denn sie waren nicht zur Einsicht gekommen, als das mit den Broten [dem Wunder der Brotvermehrung] geschah; ihr Herz war verstockt.

Seitwert


© Foto: Thomas Gertler


Siehst du Jesus?

Das Foto ist direkt vor unserem Sekretariat in Augsburg aufgenommen. Es ist ein Stück von der Mauer rings um die Schule und das Kloster Sankt Ursula. Hübsch hässlich – alle diese Graffiti! Typisch für fast alle öffentlichen Flächen in unseren Städten. Und zugleich bildet das Graffiti-Sprayen eine eigene Kultur, von der ich allerdings keine Ahnung habe. Die Sprayer sind eine eigene Gemeinschaft. Und es gibt berühmte Künstler darunter wie Bansky. Seine Bilder sind oft überraschend, witzig und gesellschaftskritisch. Und es gibt auch christliche Jugendliche, die ihre Träume sprayen: Spray your life.

Aber natürlich habe nicht darum dieses Bild aufgenommen, sondern weil ich ganz überrascht war, auf der Wand das grüne IHS zu finden. Ein Jesuit wie ich erkennt darin natürlich sofort das Zeichen für Jesus. IHS sind eigentlich gar keine deutschen Buchstaben, sondern die griechischen Buchstaben: Iota, Eta und Sigma, uralte Abkürzung für Jesus. Ich weiß aber gar nicht, ob der Sprayer oder die Sprayerin tatsächlich Jesus damit gemeint hat oder was ganz anderes. Dass etwas anderes gemeint ist, ist sogar wahrscheinlicher. Denn Jesusfans würden das wohl nicht auf die Wand sprayen. Nicht weil sprayen nicht ginge, sondern weil man dann schon eindeutig erkennbar sein wollen würde durch bekanntere christliche Zeichen… Und auch ich habe es nicht gesprayt, wenn es vielleicht auch schon jemand von den verehrten Leserinnen und Lesern gedacht oder vermutet hat. ☺

Also Jesus auf der hässlichen Wand für die, die ihn da sehen und erkennen können. Viele werden es nicht sein, die ihn da sehen und erkennen. Haben Sie ihn sofort gesehen? Oder war das IHS ganz rätselhaft und Sie haben eher nach einem versteckten Bild von Jesus gesucht? Für mich ist das IHS da an der Mauer ein echt schönes Zeichen. Für mich ist es gut geeignet als Weihnachtsbild: Gott gibt sich hinein mitten in diese unsere Welt, mitten in ihre Gewöhnlichkeit und Hässlichkeit. Dort ist er präsent und dort will er präsent sein. Und er will sich gern verstecken, sich suchen und finden lassen mitten in unserer anscheinend so gottlosen oder gottfernen Welt. Vielleicht mache ich noch eine Weihnachtskarte daraus. Sie können das auch, wenn Sie wollen.

Denn dieses unter etlichen anderen gut versteckte Zeichen ist ein passendes Symbol für unsere Idee mit der Internetseite www.update-seele.de. Mitten in unserer Alltagswelt Zeichen Gottes entdecken. Gott ist unserer Welt nicht ferner als früher. Nein! Aber wir finden schwerer Zugang im Alltag zu Ihm als früher. Nicht Gott ist uns ferner. Wir sind ihm ferner. Gerade in unserem christlich geprägten Augsburg findet man die klassischen Zeichen und Gebäude überall. So viele Kirchen in der Innenstadt! Und immer wieder sind die Glocken zu hören. An so vielen Häusern sind Marien mit dem Jesuskind, sind Heilige abgebildet. Aber wir hören und sehen so wenig. Alltag und Glaube sind nicht mehr von selbst und automatisch verbunden. Wenn ich nicht Augen und Ohren übe und schule, entgehen mir die Zeichen.

Mein Anliegen ist es, diese Brücke zwischen Alltagsleben und Glaubensleben wieder zu schlagen. Und diese Brücke wieder begehbar zu machen. Oder besser sie gar nicht als zwei verschiedene Ufer zu sehen, über die eine Brücke zu schlagen wäre, sondern das leichter wahrzunehmen, was Alfred Delp so geschrieben hat: „Die Welt ist Gottes so voll…“
Oder mit anderen Worten: Gott und sein Wirken und seine Wirklichkeit sind nicht fern, sondern nah. So nah wie die drei grünen Buchstaben an der Wand. Ja, viel näher. Denn letztlich ist Gott nicht nur außen, sondern innen. Er ist uns nahe. Wir sind ihm fern. So hat es schon Augustinus (354-430) erfahren: „Gott ist dir näher, als du dir selbst nahe bist!" (Bekenntnisse III,6,11) Das stimmt ja auch heute. Und auch wir heute können das erfahren, aber wir müssen es üben.

Wie denn üben? Unsere Aufmerksamkeit üben. Heute gern „Achtsamkeit“ genannt. Aufmerksamkeit für unsere Welt und ihre Wirklichkeit. Und zwar nicht nur vermittelt über den omnipräsenten Screen des Handys, sondern die unmittelbare Wirklichkeit der Natur, der Stadt, der Menschen, meiner selbst mit allem, was mir die fünf Sinne darüber sagen. Schönheit und Hässlichkeit, Musik und Krach, Duft und Gestank, Sanftheit, Weichheit und Grobheit, Rauheit. Und dafür Zeit haben. Alles das nicht einfach zur Kenntnis nehmen, sondern wirken lassen. Und das eben nicht nur für die Außenwelt, sondern auch für die Innenwelt, für mich selbst, bei mir selbst. Was lösen denn meine Erfahrungen in mir aus? Welche Gefühle habe ich denn? Was macht mich traurig? Was macht mich froh? So froh, dass es bleibt.

Wenn ich mir dafür Zeit nehme, dann bin ich immer schon nahe an der Erfahrung Gottes, denn ich nehme die Tiefe der Wirklichkeit wahr. Ich verspüre Sinn oder auch Unsinn und Wahnsinn. Jedenfalls geht es tiefer in der Erfahrung. Und dann ist es schon nahe am Gebet. Ich brauche meine Gefühle und Empfindungen nur noch vor Ihm auszusprechen. Und nur noch ganz still zu werden, um Ihn zu hören – wie Erika im letzten Impuls.

Und vielleicht sehen Sie ja dann auch Jesus – so oder anders. Ich wünsche es Ihnen!
Thomas Gertler SJ

5. April 2017

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