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Wie schön ist es, wenn sich Gerechtigkeit und Frieden küssen, wenn sich Güte und Erbarmen begegnen. Das verheißt der Psalm 85. Der Engel hat seine Hand über Augsburg gehalten. Möge er weiter seine Hand über uns halten und in den Menschen gerechtes, gütiges und erbarmendes Handeln erwecken und fördern. Dann bleibt uns der Friede erhalten und sprosst an anderen Orten.

Graffiti in Augsburg
© Foto: Thomas Gertler

Psalm 85

2 Einst hast du, Herr, dein Land begnadet /
und Jakobs Unglück gewendet,
3 hast deinem Volk die Schuld vergeben, /
all seine Sünden zugedeckt, [Sela]
4 hast zurückgezogen deinen ganzen Grimm /
und deinen glühenden Zorn gedämpft.
5 Gott, unser Retter, richte uns wieder auf, /
lass von deinem Unmut gegen uns ab!
6 Willst du uns ewig zürnen, /
soll dein Zorn dauern von Geschlecht zu Geschlecht?
7 Willst du uns nicht wieder beleben, /
sodass dein Volk sich an dir freuen kann?
8 Erweise uns, Herr, deine Huld /
und gewähre uns dein Heil!
9 Ich will hören, was Gott redet: /
Frieden verkündet der Herr seinem Volk und seinen Frommen, / den Menschen mit redlichem Herzen.
10 Sein Heil ist denen nahe, die ihn fürchten. /
Seine Herrlichkeit wohne in unserm Land.
11 Es begegnen einander Huld und Treue; /
Gerechtigkeit und Friede küssen sich.
12 Treue sprosst aus der Erde hervor; /
Gerechtigkeit blickt vom Himmel hernieder.
13 Auch spendet der Herr dann Segen /
und unser Land gibt seinen Ertrag.
14 Gerechtigkeit geht vor ihm her /
und Heil folgt der Spur seiner Schritte.

Seitwert


© Foto: Thomas Gertler


Die Bombe

Am 25. Dezember war Augsburgs Innenstadt leer geräumt. Kein Mensch mehr auf der Straße oder in den Häusern. Weder im Dom noch in St. Moritz noch in St. Max noch in Ullrich und Afra, noch in St. Peter ein Gottesdienst, und das am ersten Weihnachtsfeiertag! Alles leer, niemand mehr in einem Radius von 1,5 km von der Bombe außer den drei mutigen Männern, die das Ungetüm entschärfen sollten und dann auch tatsächlich entschärft haben.

Wahrhaftig ein Ungetüm. 1,8 Tonnen schwer, mit drei Zündern versehen, ein so genannter „Blockbuster“, also ein Wohnblockknacker, den die Engländer wohl in der Nacht zum 26. Februar 1944 abgeworfen haben und der damals zum Glück nicht explodierte. Diese Wohnblockknacker sollten damals als Luftmine die Dächer abdecken und Fenster zerstören, um den folgenden Brandbomben leichtes Spiel zu bereiten. Furchtbar.

Diesmal kam am Sonntagabend um 19.00 Uhr abends die erlösende Nachricht. Sie ist auch jetzt nicht explodiert, sondern unschädlich gemacht. Die drei Zünder sind entfernt. Und ich machte mich aus meiner Fluchtburg in der Jesuitengemeinschaft von Sankt Michael in München wieder auf den Weg nach Hause. Als ich gegen 20.15 eintraf, war die Stadt immer noch menschenleer. Ich traf niemanden auf meinem Heimweg, nur die ersten Autos fuhren wieder.

Und unterwegs gingen mir so Gedanken durch den Kopf: Wie gegenwärtig ist doch die Vergangenheit. Sie ist gar nicht vergangen. Sie wirkt hinein ins Heute. Ja, das sieht man dem Stadtbild doch bis heute an, wie sehr diese Februarnacht 1944 die Stadt zerstört hat. Die jetzige Bombe hatte 72 Jahre dicht unter der Oberfläche gelegen. Der Bagger hat direkt darauf gestanden. Und sicher liegt immer noch der eine oder andere Blindgänger dicht unter der Oberfläche.

Aber das ist ja nur das Äußere. Wie viel von den seelischen Zerstörungen und Verheerungen des II. Weltkriegs ist noch da und wirkt weiter. Heute wissen wir, wenn solche innere Bomben nicht entschärft, wenn solche gewalttätige und mörderische Vergangenheit nicht aufgearbeitet, also als Wahrheit ausgesprochen, zugegeben, vergeben, gesühnt und wieder gut gemacht wird, dann wirkt sie verheerend weiter. Und das geschieht im Leben von einzelnen und auch von Gemeinschaften. Plötzlich ist so eine Bombe da. Sie war ganz dicht unter der Oberfläche. Und wie viel ist an solcher inneren Bombenlast noch da und wirkt bedrohlich weiter!

Es braucht so mutige Menschen wie die drei von Augsburg, die helfen und die sich nicht fürchten, dem Tödlichen ins Auge zu sehen. Und die ihm klug und erfahren und wissend begegnen. Und es braucht daneben noch sehr viele hilfsbereite Menschen, die den 54 000 Bewohnern der Innenstadt von Augsburg heraus geholfen und den Tag über Obdach gewährt haben. Denn das war das hoch Erfreuliche, Erstaunliche und Weihnachtliche an diesem 25.12. Es gab so viele Helferinnen und Helfer, die Kranke und Behinderte und Alte transportiert haben. So viele, die anderen Zuflucht und Gastfreundschaft geschenkt haben. Auch ich hatte mehr Angebote, als ich annehmen konnte.

Solche Ausnahmesituationen bringen nicht nur die Schrecken der Vergangenheit sondern genauso oft das Positive und Freundliche und Gute ans Licht, das eben auch so dicht unter der Oberfläche des Alltags liegt. Die Scheu vor dem Kontakt, die Scheu, ja Angst, sich gütig und menschenfreundlich zu zeigen, wie man auch ist und sein kann, wird in solchen Momenten überwunden. Und das ist dann wie ein Wunder. Nicht nur Bomben und Zerstörerisches sind unter der Oberfläche da, auch Güte und Menschenfreundlichkeit sind da und freuen sich, auftauchen zu können.

Gott sei Dank! Das gibt Hoffnung und Zuversicht. Und ich wünsche und bete darum, dass sich im Neuen Jahr bewahrheitet, wie es sich jetzt bewahrheitet hat, was Hölderlin schrieb: „Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch...“

Es grüßt Sie herzlich
Thomas Gertler SJ

4. Januar 2017

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