Sie sind hier: {$rootlineLinkWrap}updateseele.de{$rootlineLinkWrap}Impuls der WocheDeutsche Einheit
DeutschEnglishFrancais

Tränen und Jubel

Psalm 126

1
[Ein Wallfahrtslied.] Als der Herr das Los der Gefangenschaft Zions wendete, / da waren wir alle wie Träumende.
2 Da war unser Mund voll Lachen / und unsere Zunge voll Jubel. Da sagte man unter den andern Völkern: / «Der Herr hat an ihnen Großes getan.»
3 Ja, Großes hat der Herr an uns getan. / Da waren wir fröhlich.
4 Wende doch, Herr, unser Geschick, / wie du versiegte Bäche wieder füllst im Süd-land.
5 Die mit Tränen säen, / werden mit Jubel ernten.
6 Sie gehen hin unter Tränen / und tragen den Samen zur Aussaat. Sie kommen wieder mit Jubel / und bringen ihre Garben ein.


Kann man einen spirituellen Impuls zur deutschen Einheit schreiben, die wir am 3. Oktober gefeiert haben? Hat das was mit dem Glauben zu tun?

Ich erinnere mich gut an den 7. Oktober 1989, den 40. Jahrestag der DDR. Ich lebte damals in Erfurt. Es war ein trister, feuchter Tag. Ich bin mit meinem Rad ins Stadtzentrum zum Anger gefahren, um mitzubekommen, was los war. Verordneter Jubel und gedrückte Stimmung. Man nahm mit, was es für diesen Tag an Südfrüchten usw. gab, ansonsten war Spannung und Ungewissheit. Die Prager Botschaft war leer. Die Bahnhöfe von Dresden, Freiberg und Hof gestürmt von den Leuten, die unbedingt noch in die Züge aus Prag in den Westen wollten, weil sie überzeugt waren, jetzt wird die DDR endgültig dicht gemacht. Gewalt gegen Demonstranten in Berlin. Hoffnungsträger Gorbatschow sagt, was zum Sprichwort geworden sind: „Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben.“ (so wohl wörtlich nie gesagt). Demonstrationen in Leipzig und Dresden.


Und dann Montag, der 9. Oktober, die erste Demonstration in Leipzig, die nicht aufgelöst wurde (am Tag zuvor schon in Dresden) und damit die Wende. Das war für mich als Christ ein Ereignis biblischen Ausmaßes. Es war wirklich wie eine Erlösung. Ich war von einer riesigen Freude und Dankbarkeit erfüllt. Endlich. Endlich. Endlich. Und so peinlich mir das heute ist, ich hätte am liebsten einen Polizisten umarmt, weil er nicht zugeschlagen hat. Es war, als sei vom ganzen Land eine dicke, schwere, graue Filzdecke weggenommen war, die vorher auf allem lag, alles dämpfte, behinderte und schwer machte. Das Land war immer noch grau, aber nun blühte Hoffnung auf. Damals ist wirklich ein Wunder geschehen. So haben es viele empfunden, auch die, die sehr zurückhaltend waren, etwas als Wunder zu bezeichnen.
An zwei Punkte sei erinnert, an denen die Kirchen eine wichtige Rolle spielten und die die Atmosphäre der Wendezeit bestimmten. Das eine sind die Friedensgebete in den Kirchen jeweils vor den Demos (nicht nur in der Leipziger Nikolaikirche und nicht nur in evangelischen Kirchen). Sie haben die Demonstrationen friedlich gemacht, ja oft humorvoll und souverän. Wie viele tausende Menschen, die nicht zur Kirche gehörten, haben damals wirklich Gebets- und Gotteserfahrungen gemacht. Wie schnell sind sie wieder vergessen, überdeckt und weggeschwemmt worden.


Und als zweites – heute kaum mehr im Bewusstsein – die so genannten „Runden Tische“, an denen in der Wendezeit die wichtigsten gesellschaftlichen Gruppen und neu gegründeten Parteien zusammenkamen, um ein völliges Chaos im Lande zu verhindern und eine gemeinsame Gesprächebene zu behalten. Sie wurden von Vertretern der Kirche geleitet. Weil die Kirchen die einzigen Organisationen waren, denen in dieser Zeit der Krise von allen vertraut wurde. Der Fall der Mauer schon einen Monat später am 9. November war dann eine gesamtdeutsche Erfahrung. Aber sie war für mich schon ambivalent. Das Gute daran war, dass die Richtung der Wende nicht mehr umzukehren war. Dass sich viele Menschen aus Ost und West mit großer Begeisterung und Offenheit begegneten. Das Problematische war die materielle Gier, die da auch offenbar wurde und so vieles bestimmte – bis heute. Eine Woge von Trabanten verstopfte München, weil es dort das meiste Begrüßungsgeld gab.


Ich will hier abbrechen mit meinem Impuls – wer will, kann seinen Gedanken nachhängen, wie er/sie den Weg zur und nach der deutschen Einheit erlebt hat. Aber einen Gedanken möchte ich noch äußern. Ich bedaure, dass wir als Kirche keinen richtigen kirchlichen Festtag aus dem 9. Oktober 1989 gemacht haben. Die Kirche lebt von der Erinnerung, was nicht heißt, sie lebt von der Vergangenheit, sondern sie lebt von der Vergegenwärtigung der Großtaten Gottes. Erinnern im biblischen Sinne heißt, Gottes befreiende Taten zu vergegenwärtigen und feiern und danken und loben. Wenn wir die Kraft gehabt hätten, dieses Wunder als Wunder zu begehen und zu erinnern, wie wir Ostern als Vergegenwärtigung der Befreiung aus der ägyptischen Sklaverei feiern, vielleicht wäre dann die Gotteserfahrung so vieler damals heute nicht so sehr überdeckt, verweht, vergessen.

Thomas Gertler SJ

 Damals habe ich folgendes Gedicht geschrieben:

Wenn es ein Wunder war –

Und viele sagen es,
auch solche, die sehr vorsichtig sind,
etwas als Wunder zu bezeichnen, sagen,
dass es ein Wunder war –

Wenn es also ein Wunder war, was geschehen ist,
dann lasst es uns doch auch glauben
und daran festhalten
und nicht gleich wieder vergessen!

Denn dann ist doch –
mir fällt schwer, es einfach so zu sagen –
denn dann ist doch Gott unter uns,
dann ist doch Seine Hand im spiel,
dann ist doch geschehen,
was wir nicht für möglich gehalten haben in unserem Land,
selbst wir Gläubigen nicht,
dass Wunder geschehen – bei uns.

Und dann muss uns doch klar sein:
Das hat eine Bedeutung,
dann will doch Er uns damit etwas sagen,
und zwar etwas Wichtigeres als die überall
aufsprießenden neuen und alten drei Buchstaben.*

Wenn es ein Wunder war,
dann haben wir wieder und hier und für uns gesagt bekommen,
dass die Bergpredigt gilt und
 selig sind, die keine Gewalt anwenden,
 denn sie werden das Land besitzen und
 selig die Barmherzigen,
 denn sie werden Erbarmen finden.

Wenn es ein Wunder war –
und viele sagen es,
auch solche, die sehr vorsichtig sind,
etwas als Wunder zu bezeichnen, sagen,
dass es ein Wunder war –

*Mit den drei Buchstaben sind die vielen alten und neuen Parteien gemeint wie SED/PDS, CDU, SPD usw.
** Foto © fux - Fotolia.com