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Mascha Kaléko


Mascha Kaléko hätte in diesem Jahr 100. Geburtstag (1907 – 1975). Das Gedicht ist reich genug als Impuls. Diese Woche möchte ich einige Gedanken zu diesem Gedicht aufschreiben.

Im Anschluss folgt noch einmal das Gedicht.

Sozusagen grundlos vergnügt


Ich freu mich, dass am Himmel Wolken ziehen
Und dass es regnet, hagelt, friert und schneit.
Ich freu mich auch zur grünen Jahreszeit,
Wenn Heckenrosen und Holunder blühen.
Dass Amseln flöten und dass Immen summen,
Dass Mücken stechen und dass Brummer brummen.
Dass rote Luftballons ins Blaue steigen.
Dass Spatzen schwatzen. Und dass Fische schweigen.

Ich freu mich, dass der Mond am Himmel steht
Und dass die Sonne täglich neu aufgeht.
Dass Herbst dem Sommer folgt und Lenz dem Winter,
gefällt mir wohl. Da steckt ein Sinn dahinter,
Wenn auch die Neunmalklugen ihn nicht sehn.
Man kann nicht alles mit dem Kopf verstehn!
Ich freue mich. Das ist des Lebens Sinn.
Ich freue mich vor allem, dass ich bin.

In mir ist alles aufgeräumt und heiter:
Die Diele blitzt, das Feuer ist geschürt.
An solchen Tagen erklettert man die Leiter,
Die von der Erde in den Himmel führt.
Da kann der Mensch, wie es ihm vorgeschrieben,
- Weil er sich selber liebt - den Nächsten lieben.
Ich freue mich, dass ich mich an das Schöne
Und an das Wunder niemals ganz gewöhne.
Dass alles so erstaunlich bleibt, und neu!

Ich freu mich, dass ich ... Dass ich mich freu.

Ein Gute-Laune-Gedicht, ja, das ist es. Und das ist es, was ich allen wünsche. Selbst wenn das Wetter im beginnenden Herbst nicht immer von selbst zu solch grundlosem Vergnügen Anlass gibt.
Aber Mascha Kaleko freut sich ja auch, dass es regnet, hagelt, friert und schneit. Es geht jedoch in dem Gedicht um mehr als gute Laune. Es steckt mehr darin und mehr dahinter, jedenfalls für mich und wohl auch für Mascha Kaléko.

Dieser Dichterin ging es in ihrem Leben durchaus nicht immer gut. Nachdem sie wegen der Nazis Deutschland verlassen musste, fühlte sie sich einsam und innerlich sehr eingeschränkt in den Vereinigten Staaten. Und auch nach der Rückkehr nach Deutschland und ihrer Übersiedlung nach Israel war es schwierig.
Ich habe jahrlang nach einem solchen Gedicht gesucht, aber es nicht gefunden. Und vor einer Weile ist es mir auf den Tisch geflattert, sozusagen grundlos. Aber doch nicht ganz, denn ich habe es von jemandem geschenkt bekommen, der wusste, dass mir das Thema der grundlosen Freude schon lange durch den Kopf geht, manchmal auch durchs Herz wie Mascha.

Es kennt wohl jede/r solche Tage der ursachelosen Freude, obwohl ja Mascha so viele Gründe aufzählt, warum sie froh und vergnügt ist. Es ist bei ihr vor allem die Schönheit der Natur und dass auch die Natur so „aufgeräumt“ ist. Es ist alles wohl geordnet und hat einen Sinn. Und manchmal leuchtet er uns ein. Wir sehen ihn. Wir spüren ihn. Manchmal wiederum ist alles nichts sagend und leer, einfach nur so da und hat nichts mit mir zu tun. Und das ist traurig. Aber wenn ich sehe, wie alles so zusammenhängt und auch meinem Leben einen Sinn gibt, dann werde ich froh.

„Ich freue mich. Das ist des Lebens Sinn.“ Dieser Satz wirkt so leicht hin gesagt. Aber das ist es. Das ist es, was wir wirklich glauben und die ganze christliche Tradition sagt. Der heilige Ignatius von Loyola sagt es am Anfang seines Exerzitienbuches in der Sprache seiner Zeit und weil die für uns so fremd und befehlsmäßig klingt, habe ich immer nach einem Gedicht gesucht, das es anders sagt. Ignatius schreibt: „Der Mensch ist geschaffen, um Gott, unseren Herrn, zu loben, ihm Ehrfurcht zu erweisen und zu dienen und mittels dessen seine Seele zu retten; und die übrigen Dinge auf dem Angesicht der Erde sind für den Menschen geschaffen und damit sie ihm bei der Verfolgung des Ziels helfen, zu dem er geschaffen ist“ (Exerzitienbuch Nr. 23).
Oder wie wir immer wieder beten: „Es ist würdig und recht, dir Gott immer und überall zu danken…“ Wir hören das vor allem als Aufforderung oder gar Befehl: „Du sollst dankbar sein!“ - und das macht es uns schwer.

Denn wir können Gott nicht auf Kommando loben. Wir können Gott nur dann loben, wenn wir seine Güte erfahren, wenn wir erleben, dass er gut ist. Wir können Gott nur dankbar sein, wenn wir erleben, dass diese Güte Gottes nicht nur allgemein gültig ist - es ist alles so gut und so schön geschaffen -, sondern wenn diese Güte Gottes auch mir persönlich gilt, wenn ich spüre, die Güte und Schönheit der Schöpfung hat unmittelbar mit mir zu tun. Sie gilt mir. Sie meint mich. Das sehe ich manchmal. Und das ist dann ein Geschenk. Und dafür bin ich dankbar. Ganz von selbst. Ignatius nennt es Trost. Mascha sagt dazu grundlose Freude, obwohl sie so viele Gründe hat. Und diese Freude, das ist des Lebens Sinn. Und ihr Ausdruck zu geben im Lob und im Dank, wie Mascha in ihrem Gedicht, das ist dann nur Ausdruck der Erfahrung und nicht mehr Befehl und Anordnung. Das ist des Lebens Sinn. Gott sei Dank!

Dann sehen wir, wie die Leiter von der Erde in den Himmel ragt, die Jakob im Traum gesehen hat (Gen 28,12ff) und auf die Jesus anspielt, als er dem Natanael begegnet (Joh 2,51). Diese Leiter steht immer und die Engel steigen ständig auf und nieder auf ihr, aber nur an solchen Tagen der grundlosen Freude sehen wir sie und können sie erklimmen.