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1 Korinther 13,9

Denn Stückwerk ist unser Erkennen,/
Stückwerk unser prophetisches Reden;

10 wenn aber das Vollendete kommt,/
vergeht alles Stückwerk.

11 Als ich ein Kind war, / redete ich wie ein Kind,
/ dachte wie ein Kind / und urteilte wie ein Kind.
Als ich ein Mann wurde, / legte ich ab, was Kind an mir war.

12 Jetzt schauen wir in einen
Spiegel / und sehen nur rätselhafte Umrisse, /
dann aber schauen wir von Angesicht zu Angesicht.
Jetzt erkenne ich unvollkommen, /
dann aber werde ich durch und durch erkennen, /
so wie ich auch durch und durch erkannt worden bin.

13 Für jetzt bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; /doch am größten unter ihnen ist die Liebe.

(c) Thomas Gertler


Klar wie ein Kristall

Jahrelang stand auf meinem Schreibtisch ein großer Bergkristall.

Mein Großvater hatte ihn in den Alpen gefunden. Er sollte mich aber weniger an meinen Großvater erinnern als an mein Ideal im Leben mit Gott, nämlich klar zu sein wie ein Kristall.


Das hatte am Beginn meines bewussten und entschiedenen Lebens mit Gott gestanden: der Wunsch und der Wille zur Wahrhaftigkeit.  Nicht so sehr der Wunsch, endlich zu erfahren, was es mit Gott auf sich hat oder was die Welt im Innersten zusammenhält. Mehr der Wunsch zur Wahrheit mir selbst gegenüber. Ich wollte mich nicht mehr selbst belügen und betrügen. Mir selbst nichts mehr vormachen. Ich wollte mir Rechenschaft geben darüber, warum ich etwas tue oder unterlasse.

Ich wollte wahrhaftig leben.


Erst viel später habe ich erfahren, dass ich mit diesem Anfangswunsch nicht allein dastand, sondern dass viele ihre Geschichte mit Gott in diesem Willen zur Wahrheit begonnen haben. Das durchzieht die Bekenntnisse des heiligen Augustinus von der ersten bis zur letzten Seite.

Auch in der Autobiographie Mahatma Gandhis steht das am Beginn. Er will Erfahrungen, ja Experimente mit der Wahrheit machen. Aber auch Teresa von Avila und Johannes vom Kreuz sind in ihren Schriften ganz davon geprägt.


Freilich ist dieser Wille zur Wahrheit sich selbst gegenüber oft von einem Misstrauen sich selbst gegenüber geprägt. Ich traue mir selbst nicht über den Weg. Hinter meiner Absicht z.B., diesem jungen Mädchen zu helfen, steht nur der Wunsch, sie näher kennen zu lernen, steht eine verborgene erotische Sehnsucht. Es geht gar nicht um Hilfe, es geht um mich. Also sollte ich lieber nicht helfen? Nein, ich sollte meine Motive reinigen. Und ein erster Schritt dazu ist, dass du deine vielfältigen und verschlungenen Beweggründe erkennst. Aber kann ich denn je völlig rein und unschuldig sein in meinen Motiven?

Ich habe gerungen und gekämpft. Ich habe mich sehr darum gemüht und habe mich auch in vielem selbst besser verstanden und durchschaut. Aber werde ich je klar sein können wie ein Kristall?


Immer mehr habe ich gemerkt, dass ich es einfach nicht schaffe, so völlig transparent zu werden. Ich kann mich selbst nicht total durchschauen. So habe ich begonnen, dieses Ideal zu befragen. Vielleicht bist nicht du immer falsch, sondern dein Ideal? Oder wie du dieses Ideal verstehst. Dieses Ideal, sich selbst so durchschaubar zu sein wie ein Kristall, kann ja auch eine Versuchung sein. Es hat nämlich auch etwas von einer totalen Selbstbeherrschung, einer Unterwerfung seiner selbst unter einen Herrschaftswillen, der sehr viel an Selbstgenuss, Selbstbezogenheit und Solipsismus an sich hat. Ich kann das. Ich habe mich völlig im Griff.

Hat dieses Ideal nicht eher etwas von einem Renaissancemenschen an sich als von einem Christen? Eines Tages hatte ich dann die sehr simple, aber auch befreiende Einsicht: mein lieber Thomas, du bist kein Kristall, du bist kein Stein, du bist ein Mensch aus Fleisch und Blut. Gott sei Dank!

Die Sehnsucht nach Wahrheit und Wahrhaftigkeit gehört auch für den Christen zu den Grundlagen, zum Wichtigsten, aber nicht in dieser Weise, wie ich sie beschrieben habe. Alle Erkenntnis, auch die Selbsterkenntnis, sollte nicht zuerst vom Misstrauen, sondern vom Vertrauen geprägt sein, nicht von der Überzeugung, dass da immer etwas Schlechtes, Negatives, Böses hinter steckt. So sehr das oft der Fall ist. Aber der tiefste Grund der Wahrheit und auch der Wirklichkeit ist nicht das Negative, sondern das Positive, ja, der tiefste Grund der Wahrheit und der Wirklichkeit ist Gott selbst.Ich habe meinen Bergkristall verschenkt. Nicht zornig, nicht enttäuscht, denn dem Ringen um dieses Ideal habe ich viel zu verdanken und es war wohl unumgänglich. Heute steht ein Christusbild auf meinem Schreibtisch. Seine Augen schauen mich an. Sie durchschauen mich bis zum Grund.