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Schon der Prophet Jesaja unterscheidet zwischen rechtem und falschen Fasten, Büßen und Gottesdienst. Es erinnert in manchem an die Erfahrung des Ignatius. Oder auch an die beiden Wege in Psalm 1 zum Leben oder zur Nichtigkeit.

© Foto: Thomas Gertler

Jes 58,1 - 11

58,1 Rufe aus voller Kehle, halte dich nicht zurück! / Lass deine Stimme ertönen wie eine Posaune! Halt meinem Volk seine Vergehen vor / und dem Haus Jakob seine Sünden! 2 Sie suchen mich Tag für Tag; / denn sie wollen meine Wege erkennen. Wie ein Volk, das Gerechtigkeit übt / und das vom Recht seines Gottes nicht ablässt, so fordern sie von mir ein gerechtes Urteil / und möchten, dass Gott ihnen nah ist. 3 Warum fasten wir und du siehst es nicht? / Warum tun wir Buße und du merkst es nicht? Seht, an euren Fasttagen macht ihr Geschäfte / und treibt alle eure Arbeiter zur Arbeit an. 4 Obwohl ihr fastet, gibt es Streit und Zank / und ihr schlagt zu mit roher Gewalt. So wie ihr jetzt fastet, / verschafft ihr eurer Stimme droben kein Gehör. 5 Ist das ein Fasten, wie ich es liebe, / ein Tag, an dem man sich der Buße unterzieht: wenn man den Kopf hängen lässt, so wie eine Binse sich neigt, / wenn man sich mit Sack und Asche bedeckt? Nennst du das ein Fasten / und einen Tag, der dem Herrn gefällt? 6 Nein, das ist ein Fasten, wie ich es liebe: / die Fesseln des Unrechts zu lösen, / die Stricke des Jochs zu entfernen, die Versklavten freizulassen, / jedes Joch zu zerbrechen, 7 an die Hungrigen dein Brot auszuteilen, / die obdachlosen Armen ins Haus aufzunehmen, wenn du einen Nackten siehst, ihn zu bekleiden / und dich deinen Verwandten nicht zu entziehen. 8 Dann wird dein Licht hervorbrechen wie die Morgenröte / und deine Wunden werden schnell vernarben. Deine Gerechtigkeit geht dir voran, / die Herrlichkeit des Herrn folgt dir nach. 9 Wenn du dann rufst, / wird der Herr dir Antwort geben, und wenn du um Hilfe schreist, wird er sagen: / Hier bin ich. Wenn du der Unterdrückung bei dir ein Ende machst, / auf keinen mit dem Finger zeigst und niemand verleumdest, 10 dem Hungrigen dein Brot reichst / und den Darbenden satt machst, dann geht im Dunkel dein Licht auf / und deine Finsternis wird hell wie der Mittag. 11 Der Herr wird dich immer führen, / auch im dürren Land macht er dich satt / und stärkt deine Glieder. Du gleichst einem bewässerten Garten, / einer Quelle, deren Wasser niemals versiegt.

Seitwert


Rubens, Ignatius wird beim Beten vom Bösen versucht.
(Quelle: Jesuit Institute London)


Zwang zur Perfektion

Jemandem Dolchstiche zu versetzen, wie wir es im letzten Impuls von Ignatius von Loyola gelesen haben, ist ja zum Glück nicht so verbreitet. Aber der Zwang, etwas ganz perfekt zu machen, der ist weit verbreitet. Ignatius war ein Perfektionist. Alles wollte er ganz richtig machen, noch richtiger und noch besser als seine Vorbilder der hl. Franziskus oder der hl. Dominikus. Auch das wissen wir schon.

So ging er oft zur Beichte. Und beichtete auch alle Sünden seines ganzen Lebens. Mehrmals. Dabei geriet er dann in Zweifel. Habe ich alles gesagt? Habe ich etwas vergessen? Habe ich auch die Umstände alle aufgezählt? Habe ich wirklich Reue empfunden? Diese Zweifel wuchsen sich zu Skrupeln aus – das ist das lateinische Wort für diese Zweifel und Unsicherheiten, eigentlich das spitze Steinchen (im Schuh). Und das war dann schon dabei, in eine psychische Krankheit, in eine Zwangsneurose zu kippen.

Zwar sagte ihm der Beichtvater, er solle es nicht immer noch einmal beichten. Es sei alles gesagt, bereut und vergeben. Aber es half ihm nicht. Er spürte diesen Zwang. Und der ging immer noch weiter. Immer und überall meinte er zu sündigen. Wenn da zum Beispiel zwei Strohhalme überkreuz auf dem Boden lagen und er war darauf getreten, meinte er, er sei nun auf das Kreuz getreten und habe dadurch gesündigt.

Er wusste zwar, dass es Unsinn war, aber das war eben nur der Verstand. Das Gefühl, gesündigt zu haben und beichten zu müssen, blieb als Zwang auf ihm. Und mit Gewalt wollte er ihn loswerden. Er betete und fastete. Er aß und trank eine ganze Woche nichts. Bis es ihm der Beichtvater verbot. Er schreibt: Als er in diesen Gedanken war, kamen ihm oft Versuchungen mit großem Ansturm, sich durch ein großes Loch zu stürzen, das diese seine Zelle hatte; und es war neben der Stelle, wo er das Gebet hielt (Pilgerbericht Nr. 24). Er konnte es nicht mit Gewalt erzwingen. Und das war und ist auch gut so, so sehr einen das Mitleid mit ihm ergreift.

Vielmehr geschah folgendes: … am dritten Tag [nach dem langen Fasten], der der Dienstag war, begann er, als er im Gebet war, sich an die Sünden zu erinnern. Und wie eine Sache, die sich an einem Faden aufreiht, so begann er, an eine Sünde nach der anderen aus der vergangenen Zeit zu denken; und ihm schien, dass er verpflichtet sei, sie noch einmal zu beichten. Doch am Schluss dieser Gedanken kam ihm ein Widerwille gegen das Leben, das er führte, mit einigem Ansturm, es zu lassen. Und damit wollte der Herr, dass er wie aus einem Traum aufwachte (Pilgerbericht Nr. 24). Und das geschah nun tatsächlich. Er erwacht und erkennt, dass es eine Versuchung war, dass ihn der Böse genarrt hat. Zwang, Unfreiheit, Enge, Angst und Sklaverei kommen nicht von Gott, sondern sind vom Bösen. Gottes Geist führt in die Freiheit, in die Weite, zur Erlösung.

Wo gibt es in meinem Leben solche Zwänge oder solche Extreme? Im Film „Wir sind die Neuen“ macht ein Student immer ein Handyfoto vom Herd, um nachher in der Straßenbahn nachzusehen, ob er ihn ausgemacht hat… Ah ja, er ist aus. Solcher Kontrollzwang ist nicht selten. Oder es kann eine Sucht sein. Alkohol, Tabletten, Schokolade, Smartphone. Jeder kennt Ansätze davon bei sich selbst. Schwer davon frei zu werden. Es fängt klein und harmlos an, aber es wächst sich aus, dass es einem geht wie Ignatius, der sich umbringen wollte.

Das ist immer das letzte Ziel des Bösen: das Nichts, das Aus, der Tod. Der eigene Tod oder oft auch der Tod anderer. Eben genau das Gegenteil dessen, was Gott will. Gott will, dass wir sind, dass wir leben, dass wir froh sind und frei sind. Denn er schenkt uns die Freiheit und er schenkt auch immer wieder Befreiung. Und darum bei all diesen Tendenzen zum Extremen, dem nicht folgen und nicht mit Gewalt mit sich selbst oder anderen umgehen, sondern wieder in die Mitte zurückkehren.

Ignatius hat dann in der Folge auch alles Extreme gelassen. Er hat sich wieder Haare und Nägel geschnitten, die er nicht mehr gepflegt hatte, um seine Eitelkeit zu besiegen. Und er hat auch in seinem Orden diese Extreme nicht erlaubt. Und er hat Regeln aufgestellt, um mit den Skrupeln und mit diesen Zwängen fertig zu werden. Regeln zu Unterscheidung der Geister. Und das ist die Grundregel und Grundfrage: führt es zum Leben oder ins Aus, führt es zu Freiheit oder in den Zwang und die Gewalt, führt es in die Wahrheit oder in die Verwirrung, führt es in den Frieden und die Harmonie oder in Kampf und Chaos?

Es grüßt Sie herzlich
Thomas Gertler SJ

28. September 2016

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