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Freiheit und Naturwissenschaften


Zum Kapitel "Das Böse" wurde uns folgende Frage gestellt:

"Wäre denn meine Einmaligkeit durch ein Gefühl gesichert? Viele reiche Menschen fühlen sich arm. Biologische Einmaligkeit (Fingerabdruck, Iris) ist feststellbar. Das Gefühl von Freiheit ist aber auch als evolutionäres Zufallsprodukt denkbar. Freiheit ist nicht feststellbar, zumindest nicht naturwissenschaftlich; sie ist vielmehr hart umkämpft."

P. Eckhard Bieger SJ, aus dem Projektteam, gibt folgende Antwort:

Die Naturwissenschaften beobachten immer nur etwas von außen. Freiheit ist aber etwas, das man nicht von außen beobachten kann. Wie kann man aber Sicherheit über die Innensicht bekommen? Descartres hielt die Innensicht für das unmittelbar Erkennbare. Dass etwas ist, erkennt der Mensch an seinem eigenen Denken, denn das muss es ja geben, wenn er denkt.

Daraus folgt aber, dass es Objekte gibt, die eine Innensicht haben. Ein Berg ist in dem Sinn kein Individuum, sondern nur eine Ansammlung von Kristallen ohne Innensicht. Deshalb ist ein Berg kein Individuum. Wäre aber ein Atom ein Individuum, in dem zumindest eine Innensicht angelegt ist? Leibniz hat darüber angefangen, nachzudenken. Im 20. Jahrhundert hat sich Whitehead mit der Frage beschäftigt. Denn wenn die Freiheit mit unserem Gehirn zusammenhängt, muss es zumindest die Disposition für "Innensicht" auch unterhalb der menschlichen Seinsebene geben.

Das sind alles ungelöste Fragen, zu denen es aber durch die Quantenmechanik einen neuen Zugang gibt.

Wenn es also Innensicht gibt, die man prinzipiell nicht von außen beobachten kann, muss man aus dieser Innensicht heraus die Freiheit fassen. Sie ist nicht nur Gefühl. Das wäre zu wenig, denn Gefühl begleitet all unser Denken und Wahrnehmen. Freiheit hängt enger mit der inneren Wahrnehmung zusammen, dass ich für mein Leben Verantwortung übernehmen muss. Weiter zeigt sich die Freiheit im Phänomen des Gewissens. In dem Gewissen geht es vor allem darum, dass auch andere frei sein können.


Freiheit und Einmaligkeit

Freiheit als Ausgangspunkt von Einmaligkeit? Wie kommt man überhaupt auf einen solchen Gedanken im Zusammenhang mit Freiheit?

Freiheit als Befähigung zur Einmaligkeit folgt aus der Idee der Freiheit. Wenn meine Freiheit nur darin bestünde, es zwar nicht wie alle anderen, aber doch wie einige andere machen zu können, d.h. ein bestimmtes Muster auszufüllen, gäbe es zwar die Freiheit, aber sie könnte sich nicht voll verwirklichen. Die Freiheit wäre dann auch längst aus der Evolution verschwunden. Die Diktaturen des 20. Jahrhunderts haben ja viel dafür getan, die Menschen auf einen Einheitstyp, z.B. den Kommunisten, hinzutrimmen. Warum hatten sie keinen Erfolg?

Weil die Kraft zur Einmaligkeit größer ist. Wenn man die große, aber immer begrenzte Auswahl von Lebensmustern sieht, dann kann sich die Freiheit nicht in der Auswahl eines Musters erschöpfen. Das Christentum bietet hier eine Antwort: Es ist die einmalige Berufung, die jeder Mensch geschenkt bekommt, die ihn erst zur vollen Verwirklichung der Freiheit führt. Das Phänomen wird von Unternehmensberatern und  Medizinern bestätigt. Die Menschen, die ihrer Lebensberufung nicht folgen, sind krankheitsgefährdet. Diese Beobachtungen sind allerdings kein Beweis, sondern nur ein Hinweis. Die Einmaligkeit zeigt sich vielleicht noch deutlicher daran, dass jeder Mensch seine ganz individuelle Schuld auf sich lädt.


Freiheit und Gott

Steht Gott nicht über meiner Freiheit? Ist die Freiheit doch nur ein nachrangiger Wert, der durch Gott außer Kraft gesetzt wird?
Die Freiheit hat ihre Grenzen, nämlich an der Freiheit anderer. Wie ich die Freiheit des anderen Menschen ohne Wenn und Aber zu achten habe, muss ich auch die Freiheit Gottes anerkennen.

Freiheit beinhaltet auch, dass ich mit wachsender Freiheit in der Lage bin, die Wirklichkeit so zu erkennen, wie sie ist. Eine Konsequenz daraus ist die Freiheit der Forschung. Wer aus irgendwelchen Gründen etwas nicht wahrhaben will, dass es z.B. Aidsviren gibt, meint, sich die Negierung dieser Tatsache auf Grund seiner Freiheit leisten zu können, aber es ist eine unvollkommene Freiheit. Der Mensch tut vieles, weil er frei ist, was aber seine Freiheit und die der anderen nicht erweitert, sondern schmälert.

Ähnlich ist die Frage, ob ich anerkenne, dass es einen Schöpfer gibt. Im Mittelalter galt der Narr als derjenige, der zu dumm ist, die Existenz Gottes aus den Werken seiner Schöpfung zu erkennen. Da Gott keinem Experiment unterworfen werden kann, sonst wäre er ja ein Teil der Welt, braucht der Mensch ein anderes Organ als das naturwissen¬schaftliche Experiment, um Gott zu erkennen. Je höher das Erkenntnisvermögen, desto mehr ist der Mensch als Person involviert und damit seine Freiheit.

Wenn für den Gläubigen Jesu der höchste Wert ist, heißt das nicht, dass Jesus und meine Freiheit auf der gleichen Ebene liegen, als ob ich zwischen Jesus und meiner Freiheit wählen müsste. Meine Freiheit bestimmt ja auch nicht darüber, dass ein anderer Mensch existiert. Mit meiner Freiheit bestimme ich nur, wie ich mich zu dem anderen verhalte, ob ich ihn als Objekt im Spiel meiner Pläne einkalkuliere oder ihn als Subjekt mit einer eigenen Freiheit achte. Erst wenn ich den anderen als Subjekt sehe, kann Liebe ins Spiel kommen.

Entscheidung zwischen Alternativen
Meist stellen sich Entscheidungen nicht als einfaches „Ich mache es – ich mache es nicht“, sondern als Wahlmöglichkeit zwischen Alternativen: Beispiele für solche Ja-Nein-Entscheidungsfragen: "Will ich ein zweites Kind groß ziehen? Qualifiziere ich mich für den Meister? Studiere ich noch einmal? Baue ich ein Haus?" Was wäre mit Entweder-Oder-Fragen: Will ich ein zweites Kind großziehen, oder gehe ich in die Entwicklungshilfe? Studiere ich noch einmal, oder baue ich ein Haus? Spare ich für meine Altersvorsorge, oder unterstütze ich die Ausbildung meiner Nichte?

Im Zusammenhang mit meiner Sterblichkeit und im Zusammenhang endlicher Möglichkeiten bedeutet jede positive Entscheidung den Verzicht auf andere Möglichkeiten, sie "hat ihren Preis". Freiheit steht so mehr im Zusammenhang damit, unangenehme Konsequenzen meiner Entscheidungen in Kauf zu nehmen, als das ich wie eine hüpfende Frau unbeschwert durchs Leben tanzen könnte.
Antwort: Entscheidend ist hier, was zuerst war. Im Beispiel "Spare ich für meine Altersvorsorge, oder unterstütze ich die Ausbildung meiner Nichte?" kommt zuerst die Frage, die Nichte zu unterstützen. Wenn das der größeren Freiheit der Nichte dient, dann hat das Vorrang, weil ja das Problem der Altervorsorge erst entsteht, wenn die Nicht tatsächlich unterstützt wird. Die Unterstützung der Nichte sichert mittelbar die Altersvorsorge, denn eine gut ausgebildete Nichte zahlt mehr in die Rentenkasse. Man kann mit der Nichte auch vereinbaren, dass sie später etwas für die Altersvorsorge des Gebers tut. So funktionierte die Altersvorsorge ja in früheren Generationen. Wer nicht für qualifizierten Nachwuchs gesorgt hatte, musste im Alter verkümmern.

Für die vielen Alternativen, vor die uns das Leben stellt, bleibt der oberste Wert "Wachstum der Freiheit", dieser Wert muss durchdekliniert werden. Die Freiheit dessen, der eine Unterstützung empfängt, wird zudem nicht eingeschränkt, wenn er dafür etwas leistet. Im Falle der Nichte würde diese eine größere Freiheit des Onkels im Alter ermöglichen. Sie würde, wie ihr Onkel 20 Jahre vorher, den Wert der Freiheit nicht nur behaupten, sondern ihn umsetzen.

Eckhard Bieger S.J.